Andrea Sturm

Zum Tod von Jörg Haider

11. Oktober 2008 16:14 - Politisch

Es ist so: Seit mir Samstag Vormittag die Nachricht auf orf.at vierkadrig ins Gesicht geknallt ist, denke ich mir, ich sollte auch etwas schreiben. Jedesmal, wenn ich aber dann einen Beitrag anfange, schreibe ich zögerlich ein paar Sätze und lass es dann wieder, weil, es ist ja eh schon alles gesagt, geschrieben, von allen Seiten, und außerdem, wozu auch? Am ehesten könnte man es noch beeindruckend finden, dass alle, auch die politisch weitest entfernten Gegner, ganz plakativ unpolitisch reagieren. Andererseits, Tragik, welche verdammte Tragik? Nachts mit 140 km/h durch ein Ortsgebiet, das ist keine Tragik, das ist Kamikaze. Um nicht zu sagen: Dummheit.

Es war, und angesichts der Tatsache, dass “Breaking News” längst vorbei ist, erlaube ich mir, gleich auf die Metaebene zu wechseln, es war keine der üblichen Reaktionen, die ich mit den Todesnachrichten mehr oder weniger bekannter Personen verbinde (die je nachdem von “ojeoje” bis “na endlich” reichen können), als ich die Nachricht zum ersten Mal gesehen habe. Es war ein zutiefst verblüfftes “Häh?”, das mir stattdessen entfuhr, gepaart mit einem reflexartigen Druck auf die Reload-Taste des Browsers. Es blieb aber dabei. Noch während ich die Geschichte überflog, die den Unfall und die Folgen etwas graphischer schilderte, als ich es eigentlich wissen wollte, verstand ich, dass Haider für mich längst die Ebene der einzelnen Person verlassen hatte und zum politischen Symbol geworden war, zum Symbol für alles, was es zu bekämpfen gilt, rechts von der Mitte. Und Symbole sterben nun Mal nicht.

Jetzt ist er aber tot. Ich griff zum Telefon, um meine Verblüffung zu teilen, holte mir aber nur ein lakonisches “Na, traurig mocht mi des jetzt ned.” - Von Trauer konnte ich in mir auch nichts wahrnehmen, aber irgendetwas war da doch. Ich versuchte, es zu fassen, kam aber nur auf ein schwaches “Naja, es verändert aber deutlich die Landschaft” (die politische; von Autowracks wollte ich nicht unbedingt reden). “Werden wir ja sehen.”; der Sufi war deutlich anderweitig beschäftigt. Und ich mit meiner Verblüffung allein. Jörg Haider, wer war das überhaupt?

Es ist 22 Jahre her, da stand ich auf dem Grazer Hauptplatz und verteilte Werbematerial einer winzigkleinen, unbedeutenden, linksgrünen Gruppierung. Wir hatten uns die FPÖ-Kundgebung als geeignetes Pflaster ausgesucht, um potentielle Rechts-Wähler auf die andere, die richtige Seite zu ziehen. Wir, das waren ein paar spätgeborene Hippies, die sich - mit knapp 20 passiert das leicht - für den Nabel der Welt und den Schlüssel zur Lösung aller Probleme hielten. Wir hatten uns extra bunt und fein gemacht, die langhaarigen Jungs wie die schwarzäugig geschminkten Mädels, um zu zeigen, dass Farben doch viel interessanter sind als grau. Wir ernteten auch viele anerkennende Blicke, im Vorfeld der Kundgebung, naja, die Mädels mehr als die Jungs. Es war im Grunde ganz gemütlich, vor allem gab’s Freibier, was wir lustig fanden: FPÖ-Freibier für politische Gegner. Ein “Wos redt der für an Bledsinn” angesichts eines Vorredners hielt ich für ein gutes Zeichen, um einem potentiell Bekehrenswilligen unsere Pospekte samt unserer Weltsicht aufs Aug zu drücken. “Na du redst aber a an Bledsinn” war alles, was ich erreichte.

Es ist lange her, und viele Details sind auch der Chronistin verloren gegangen. Ich weiß noch, es war dunkel, aber ich weiß nicht mehr, ob Tageszeit- oder Wetterbedingt. Ich hatte mir mein Freibierglas grade zum zweiten Mal füllen lassen, als die Stimmung irgendwie kippte. Da vorne redete jetzt ein anderer, und Beifall brandete auf. Die Menschen rückten irgendwie dichter zusammen. Es war Jörg Haider, der redete, und es war die Rede von arbeitsscheuen Subjekten, die man in Österreich nicht haben will, es war die Rede von “den Linken”, die die alten Werte von Arbeit und Fleiß nicht mehr zu schätzen wissen, wie gesagt, ich weiß es nicht mehr im Detail, aber was ich weiß, ist, dass jeder Satz die Welt, wie ich sie haben wollte, verteufelte, und dass eine Masse an Leuten, die eben noch interessiert bis belustigt auf unsere Gegenaktion geschaut hatten, jetzt ziemlich feindlich auf mich schauten.

Ich weiß auch nicht mehr, wie lange die Geschichte dauerte; für mich eine halbe Ewigkeit, bis ich mich aus der Masse heraus zum Eck der Sporgasse gekämpft hatte, wo ich mit meinen Freunden recht fassungslos den Rest der Veranstaltung verfolgte, die Intonation, den Beifall, “die Masse” an sich. Ich hatte damals gerade angefangen, Geschichte zu studieren, Interessensschwerpunkt klar das Dritte Reich, und einiges, was ich in dem Moment erlebte, kam mir einigermaßen bekannt vor. Es war so klar und durchsichtig einerseits, und auf der anderen Seite offenbar doch mitreißend für eine Masse, die es meiner (damaligen wie heutigen) Meinung nach eigentlich besser wissen sollte. Da war, und das trifft jetzt glaube ich den Kern, da war etwas, dem man Macht zutraute, unabhängig davon, ob man diese jetzt in der Form wollte oder nicht.

Und das Gefühl dieses Abends hat mich, Zeit hin, Reife her, nie ganz verlassen. Jörg Haider konnte sich noch so lächerlich machen (und auch das konnte er gut), er konnte noch so staatstragend auftreten - das Gefühl der lauernden Gefahr verließ mich nicht.

“Da Jörg sagt halt, was die Leut denken” musste ich auch in meinem direkten Umfeld öfter hören, als ich wollte. Was er tatsächlich getan hat, war, komplexen Problemen einfache Namen zu geben: Einer hat seinen Job verloren, einer hat sich über Gebühr verschuldet, einer hat ein Kind, das in der Schule nachlässt? Ganz klar: Die Sozialschmarotzer sind schuld! Die Ausländer sind schuld! Die multikulturellen Gutmenschen sind schuld! - Und es ist zutiefst menschlich, sich einfache Lösungen zu wünschen, wie: Dass alle Probleme gelöst sind, wenn nur… “Die Ausländer weg sind”, die “Sozialschmarotzer wieder arbeiten müssen”, “die Leute wieder an wahre Werte wie Heimat glauben”. Nur dummerweise funktioniert das so nicht.

Ich habe Bekannte, die ihn persönlich kannten, und die immer versichert haben, wie freundlich, nett und angenehm “der Mensch Haider” gewesen ist. Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln; im Gegenteil: Gerade das freundlich-joviale hat auch die Wähler an ihn gebunden. Ich habe aber auch schon seit einigen Wahlen versucht, zu formulieren, was mich nervös macht: “Nicht Jörg Haider ist ist das Problem, das Problem sind die Menschen, die ihn wählen”. Und die sind, daran kann nach der letzten Wahl wohl kein Zweifel bestehen, die sind immer noch sehr da.

Und deshalb kann ich auch keine richtige Freude darüber empfinden, dass der alte Jörgl jetzt wirklich weg ist. Denn seine Nachfolger sind vielleicht nicht ganz so charismatisch, dafür wahrscheinlich noch einen Touch skrupelloser. Sie sind vielleicht ein bisschen weniger intelligent, aber genau das ebnet ihnen vielleicht den Weg zu noch einfacheren Formulierungen. Und, um ganz ehrlich zu sein, es war einfach ein ziemlich gutes Gefühl, genau zu wissen, gegen wen man kämpft.

Denn Jörg Haider war, und das muss man ihm lassen, Jörg Haider war ein sehr verlässlicher Feind.

4 Kommentare

gravatar
manfred schindler
14.10.2008
00:04
liebe chronistin!

einer der besten kommentare die ich in denletzten tagen zu dem thema gelesen habe.

ich kann das alles gut nachvollziehen.ich hab in den späten 80ern auch veranstaltungen der FPÖ in abständen von jahren besucht (immer am schwedenplatz in wien). und ich hab miterlebt wie sich die stimmung von relativ harmlos immer aggressiver entwickelte. beim ersten mal böse blicke wenn man eine kritische bemerkung machte, beim zweiten mal "dich haben sie auch vergessen" (wortwörtlich!) und beim dritten mal schon direktes körperliches attakieren.

das sollte man in diesen tagen auch erwähnen was sich in den letzten 20 jahren klimatisch in diesem land verändert und was alles selbstverständlich wurde...
gravatar
truetigger
14.10.2008
10:01
Wunderbar formuliert.

Ich selbst hab zwei Tage gebraucht, etwas zu dem Thema zu schreiben, und auch ich nahm das Ereignis als Anlass, meine Erfahrungen mit dem dritten Lager rückblickend zu beleuchten. Gut, ich komm nicht auf 22 Jahre, eigentlich kenn ich Haider erst seit 1999 (aus deutscher Sicht) und ab 2001 aus österreichischer.

Neben dem völlig überzogenen Medienecho merk ich aber auch, wie plakativ gerade Deutsche auf den Tod reagieren, die Haider - so wie ich vor meiner Übersiedlung - nur aus Medien kennen und nicht dessen politischen Alltag. Und so reflexhaft, wie aus dem Ausland Haider alleinig als Rechtspopulist dargestellt wird, so reflexhaft beginn ich den Umgang mit ihm zu verteidigen, empfinde Angriffe auf ihn als arrogante Kommentare von Menschen, die gar keinen Einblick in die Materie haben.

Interessant, wie sehr man mit einer politisch exakt entgegengesetzten Meinung einen Menschen wie Haider schätzengelernt hat, und wenn nur als sehr verlässlichen Feind, jemand der einen selbst dazu bringt argumentativ besser zu werden und gleichzeitig Toleranz für fremde Meinungen zu entwickeln.
gravatar
trurl
14.10.2008
23:22
Gut, ich bin ein Grün-Wähler, seit ich das erforderliche Alter erreicht hatte, und das liegt nun schon erschreckend lange zurück.
Meine Meinung zum Phänomen Jörg Haider sollte daher einigermaßen vorhersehbar sein. Ist sie aber nicht.

Herkunft und soziales Umfeld sind für mich wesentliche Kriterien, wenn es darum geht die Aussagen und Taten eines Menschen zu bewerten und diese Bewertung zu gewichten. Jörg Haider stammte aus einer klar deutsch-national eingestellten Familie und hat die damit verbundenen Wertvorstellungen in einem engen Zusammenhang mit moralischen Prinzipien gesehen, von denen er kaum anders konnte, als sie als wertbeständig, gerecht und nicht zuletzt auch menschlich zu betrachten.

Vergessen wir nicht, dass er stets den Anspruch hatte, ein sozial engagierter Politiker zu sein, für den eine gerechte Verteilung der Güter, das Hochhalten von Arbeit inklusive angemessener (also nicht unverschämt hoher) Entlohung und persönliche Leistung, sowie deren Anerkennung, echte Leitprinzipen waren.

Alles Eigenschaften, die 1:1 auch das Nazi-Regime für sich beanspruchte.
Und Lenin.
Und auch Bruno Kreisky.
Und nicht zuletzt Jesus Christus.
Und genau da liegt das Problem.

Denn man kann diesem Anspruch auf offensichtlich beliebig vielen Wegen gerecht werden, wobei leider nur allzu oft die handelnden Personen selbst bestimmen, was "gerecht" ist, und was nicht.

Dass sich Jörg Haider in die Nazi-Falle begeben hat, war fraglos sein größter Fehler, vor allem deshalb, weil ihm jedenfalls Ende der 1980er bis Anfang der 90er jegliches Gefühl dafür fehlte, warum er mit seinen markigen Sprüchen so vielen Menschen tiefe Verletzungen zugefügt hat. Davon abgesehen glaube ich nicht, dass Haider per se ein "Ausländer-Hasser" war, sondern vielmehr jemand, der ganz allgemein etwas gegen Menschen hatte, die sich an Ressourcen und Leistungen vergreifen, die sie seiner Meinung nach nicht verdient haben.
Diese Eigenschaft Ausländern, also allen Menschen ohne österr. Staatsbürgerschaft, pauschal anzudichten, war meiner Ansicht nach seine größte Dummheit. Aus populistischer Sicht war es natürlich ein Geniestreich, den ein Herr Strache jetzt zwar noch simpler, aber kaum weniger erfolgreich nachzuahmen versucht.

In der Summe dessen, was ich über Jörg Haider seit 1986 erfahren habe, bleibt ein höchst ambivalenter Nachgeschmack. So halte ich ihn etwa moralisch für deutlich höher stehend als beispielsweise den erwiesenermaßen größten Lügner der 2. Republik, Wolfgang Schüssel. Tatsächlich hätte ich (als Grün-Wähler) Jörg Haider viel eher vertraut, als Wolfgang Schüssel. Aber zum Glück (!) gab es ja noch andere Möglichkeiten...

Was meine persönliche Meinung zu Jörg Haider nachhaltig und bleibend geprägt hat, war seine öffentliche Versöhnung mit Alfred Worm, dem streitbaren österr. Starjournalisten, der über viele Jahre hinweg sein härtester und möglicherweise sogar mächtigster Gegner war. Es gab damals zu diesem Thema eine Talkshow, in der die beiden die näheren Zusammenhänge ihrer Aussöhnung ausgiebig erläutert haben - seither glaube ich, den Menschen Jörg Haider und seine Beweggründe einigermaßen verstanden zu haben.

All das entschuldigt nicht seine Fehler. Absolut nicht.
Aber es gibt mir das Gefühl, es hier - im Gegensatz zu vielen anderen aus mir sympathischeren Parteien stammenden Politikern - mit einem politischen Gegner zu tun gehabt zu haben, der unsere grundsätzliche Achtung verdient hat.
Wäre ich ein Japaner, würde ich mich jetzt kurz verbeugen.
gravatar
Peter Pan
16.10.2008
21:57
"Nicht Jörg Haider ist das Problem, das Problem sind die Menschen, die ihn wählen"

Genau. Das gleiche hier in Italien mit Berlusconi. Gibt Hunderte, Tausende solcher Typen in Europa. Ich bin nicht mit ihm verheiratet, ich habe gar keinen Impuls, was gegen den zu haben. Ich hab was gegen die, die ihn zu dem gemacht haben, was er ist. Das Problem entsteht, wenn man solche Figuren unbedingt haben will, wenn man ihnen Platz lässt und sie auf die Bühne bittet.

 

Deine Meinung:

Kommentieren in diesem Channel-Eintrag nicht möglich