Andrea Sturm

„Langfristig wird die Arbeit verschwinden“

02. Mai 2005 21:07 - Politisch

Unbedingt lesen: Jeremy Rifkin im Interview. [via Charming Quark].

Eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen jemand ausspricht, was jeder halbwegs klar denkende Mensch beim Blick auf die Weltwirtschaft sehen müsste: Es gibt immer weniger Jobs für immer mehr Menschen, obwohl die Produktion von Gütern permanent ansteigt. Anstatt diesen Fakt geistig zu verarbeiten und nach Alternativen Ausschau zu halten, kleben Politiker jeder Couleur bombenfest am unverrückbaren Wert der “Arbeit”. Um die viel zu vielbeschworenen “Arbeitsplätze” zu schaffen, wird die Wirtschaft bis zu verantwortungsloser Staatsverschuldung subventioniert, werden Steuererleichterungen und -nachlässe in Millionenhöhe gewährt - und was passiert mit den so geschaffenen Arbeitsplätzen? Sie verschwinden bei nächster Gelegenheit wieder; die Firma fusioniert oder wird gesplittet, das Werk wird geschlossen oder ins Ausland verlegt, die gleiche “Arbeit” wird von mehr Maschinen und weniger Menschen erledigt. Das Geld, das der Staat der Wirtschaft in den breiten Hintern geschoben hat, ist und bleibt weg - und fehlt im Gesundheits- und Sozialsystem, in den Bildungs- und Kultureinrichtungen.

Aber anstatt die Wirtschaft in die soziale Verantwortung zurückzupfeifen, die sie nach allen Regeln von Vernunft, Moral und Anstand ohnehin wahrzunehmen hätte, dreht die Politik die Schraube in die andere Richtung: Sie spart von “unten”, macht den - meist schuldlos - “Arbeitslosen” das Leben so schwer wie möglich (auch in Österreich drehen sich die Dinge in Richtung “Hartz IV”, obwohl das Ding bei uns keinen Namen hat), reformiert das Gesundheitssystem mit der Praxisgebühr zu einem Krankheitssystem und knabbert an den Pensionen (Renten), die sich hart arbeitende Menschen in vielen mühsamen Jahren redlich verdient haben.

Und wozu? Um das so eingesparte Geld wieder in die Wirtschaft zu “investieren”, damit die neue Arbeitsplätze schafft, die dann wieder… siehe oben.

Man muss wirklich kein Hellseher sein, um zu sehen, dass sich dieses System langsam aber unvermeidlich selbst zugrunde richtet. Immer mehr Menschen erhalten immer weniger Geld, von dem sie einen immer größeren Anteil für Grundbedürfnisse wie Gesundheitsversorgung ausgeben müssen. Es bleibt ihnen weniger für den Erwerb von Gütern oder Dienstleistungen der Wirtschaft, die dann wieder jammert, dass die Geschäfte so schlecht gehen, und dass die Regierung handeln müsste (Steuernachlässe und Subventionen), damit die Arbeitsplätze nicht verloren gehen, die dann aber ohnehin… siehe oben.

So weit, so offensichtlich (falls man die Augen nicht fest mit Ideologie und Polemik verklebt hat) - aber wie kommen wir da jemals wieder raus?

 


So, das war der politische Eintrag zum ersten Mai. Auch wenn heute schon der zweite ist.

1 Kommentare

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Irene
8.5.2005
16:20
Weil es gut passt, lasse ich einen Link zum Geiz-ist-geil-Thema da:
http://www.freitag.de/2005/18/05181102.php

 

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