
Es ist schon nach Mitternacht, ich sollte schlafen. Ich will gerade zum Fenster, um es zuzumachen, um anschließend eben lärmfrei zu schlafen, da wird es unten laut. Ich lehne mich ein bisschen raus, um auf beiden Straßenseiten spionieren zu können, und erblicke zwei gar nicht unfesche, aber ebenso benebelte Gestalten, die einen seltsamen Tanz um ein Auto aufführen. Es scheint um den Autoschlüssel zu gehen, den der eine dem anderen aufgrund fortgeschrittener Alkoholisierung nicht aushändigen will (das kann man jetzt absichtlich in beide Richtungen verstehen). Die Diskussion umfasst die ganze Bandbreite, von “Heast Oida, du bist doch mei Freind” bis hin zu “Gib her jetz, sunst hau I da ane in die Goschn!”. Linguisten könnte die durchaus wortgewandte Verwendung altwienerischer Beschimpfungen interessieren, ich selbst bin mehr von der komplizierten Choreographie fasziniert, die beide immer im Kreis um die silbermetallicefarbene Audi-Limousine treibt, als hingen sie an den Enden eines unsichtbaren Balkens. Immer genau gegenüber, 180°, die ganze Diskussion lang. Wird der eine langsamer, dann wird der andere auch langsamer. Wird der andere schneller, zieht der eine mit. Die Umkreisungsgeschwindigkeit entspricht in etwa der Schimpfwortfrequenz pro Minute. Oder so.
Das dauert 10 Minuten, vielleicht 15. Dann ist der Autobesitzer das Spiel leid. Er lässt sich auf einen der Einfassungssteine der Alleebäume sinken, reibt sich das Gesicht, beugt sich vor um die Straße entlangzuschauen. Der andere ist verunsichert, linst erst am Dach vorbei, dann über die Motorhaube, scheint es aber wichtig zu finden, dass auf jeden Fall ein Stück Auto zwischen ihm und dem anderen bleibt.
“Bah!”, schreit der Sitzende, “grauslich is des. Des mocht ollas nur der Duascht. Und waast du,” jetzt schaut er den anderen an, der von der plötzlich veränderten Situation immer noch verwirrt scheint, “waast du, woher da Duascht kumt?” - Die gemurmelte Antwort kann ich hier oben nicht verstehen, sie wird aber auch gleich weggewiesen: “Ach wos. Vum Aufstehen kumt der. So lang i im Bett lieg, hob i kan Duascht. Vastehst?”
Die Körpersprache des Anderen signalisiert Verständnis, als er sich jetzt doch um die Motorhaube herumwagt und neben seinen feindlichen Freund auf den Stein setzt. Der wird aber davon nicht leiser. “I bin ka Alkoholika. I brauchat nur liegn bleibm, dann brauchat I gor nix trinkn.” - Wieder murmelt der Freund etwas, dass ich hier oben nicht verstehen kann, aber die Antwort schafft es akustisch wieder vier Stockwerke hoch: “Na kloa bin I sicha. Wie damals in Arabien. Do hob i nix trunkn, hot jo a nix gebm. Woa oba wuascht, I bin den gonzn Tag am Strand glegn. Vastehst?”
Der Gefragte versteht, Männerarme werden um Männerschultern gelegt, mit anderen Worten, es ist alles wieder gut. “Gemma?” Sie gehen, die Straße entlang. Richtung Westen. Der Audi bleibt stehen.
trurl 10.10.2008 23:57 |
Es ist kurz nach Mitternacht, mein nächtlicher Besuch eines Wiener Spitals beruhte auf einem Notfall meiner Freundin, die mittlerweile gut versorgt dort untergebracht ist und mich mit beschwichtigenden Worten nachhause geschickt hat. Beim Verlassen des Spitals über die breiten Stufen begegne ich zwei mindestens so unfeschen wie benebelten Gestalten, die ich vor einer Stunde bereits auf der Notaufnahme gesehen habe. Derjenige der beiden, der ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen musste und daher einen eingebundenen Arm hat, setzt sich an das Steuer seines(?) Autos, während der zweite, eine Spur nüchterner wirkende, auf den Beifahrersitz fällt. Der Motor startet, heult unter absolutem Vollgas auf und setzt sich mit quietschenden Reifen in Bewegung. Dumm nur, dass der Rückwärtsgang eingelegt ist. Dumm auch, dass auf dem wohl eher unbeabsichtigt eingeschlagenen Weg des Autos die Steinmauer des Spitals keinen Bedarf erkennen lässt, Platz zu machen. Und - Rumms! - kracht die Kiste in die Mauer. Was den Fahrer nicht davon abhält, weiter das Gaspedal bis zum Anschlag durchzutreten. All das ist ziemlich laut und ziemlich auffällig, die Reifen quietschen und rauchen, aber ich scheine der einzige (zunächst paralysierte) Zuschauer zu sein. Nachdem ich mich endlich aufmache, dort einzuschreiten, findet der Fahrer (also der mit dem eingebundenen Arm) plötzlich den ersten Gang und rast mit quietschenden Reifen von der Mauer weg. Direkt in ein auf der anderen Straßenseite parkendes Auto. Ich laufe zu dem Auto und frage den offenbar unverletzten Fahrer durch das offene Fenster, ob ich irgendwie "helfen" kann. Er selbst reagiert zwar nicht, aber dem Beifahrer scheint es endlich zu reichen. Er steigt aus und überredet den Fahrer mit Mühe, zur Seite zu rutschen und ihn fahren zu lassen. Und dann geht alles sehr schnell. Der weniger benebelte der beiden sitzt am Steuer, setzt gekonnt zurück und verschwindet blitzschnell am nächtlichen Horizont. Mir steht der Mund noch immer offen und ich habe mir nicht einmal die Nummerntafel gemerkt. Natürlich wäre es theoretisch möglich, die beiden über die Notaufnahme im Spital auszuforschen - so sie ihre Personalien richtig angegeben haben. Hm. Ich inspiziere das beschädigte Auto und stelle verwundert fest, dass nur die Fahrertür leicht eingedrückt ist. Der Spitalsmauer geht es sogar noch deutlich besser... Hm. Es ist nach Mitternacht, ich habe grade eben meine Freundin ins Spital gebracht, ich bin ziemlich fertig und irgendwie tun mir die beiden Benebelten einfach nur leid. Also lass ich es gut sein und fahre nachhause. Vielleicht ist Wien wirklich anders. |
Chronistin 13.10.2008 20:37 |
Puh, das klingt ja wirklich unerfreulich. Hoffe, es handelt sich um eine alte Geschichte und keinen aktuellen Freundinnen-Notfall? - Jedenfalls ist Österreich glaub ich weit führend in der Idee, Alkohol am Steuer als Kavaliersdelikt zu verstehen. Warum wohl? |