Andrea Sturm

Bachmannpreis 2011

Bachmannpreis 2011, Fazit

10. Juli 2011, 23:39 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2011

Die Preisverleihung war wie die Lesetage: Gekürzt, gehetzt, und durch die resultierende nahezu atemlose Art wirkte sie beinah belanglos. Irgendwie ein Kreislauf: Die Fernsehzeiten werden gekürzt, weil das Interesse angeblich zu gering ist, das Interesse sinkt mit der gefühlten Bedeutungsschrumpfung. Außer der Hauptpreisträgerin und dem Publikumssieger war ich mit allen Entscheidungen einverstanden; überrascht hat mich, dass mein Favorit gleich den zweithöchsten Preis zugesprochen bekam.

Wünsche für die Zukunft? Mehr Zeit. Mehr Texte. Individuellere Jury.

Aber ich fürchte fast, dass das Wünschen da nichts helfen wird..

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09. Juli 2011, 13:49 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2011

Ich drehe den Fernseher ein bisschen zu spät auf, Leif Randt liest bereits. Schon nach ein paar Sätzen habe ich das Gefühl, den klassischen Klagenfurt-SiegerText zu hören. Das nimmt mich ungerechterweise gegen ihn ein. Ich höre ein bisschen “Schöne Neue Welt”, ein bisschen Berlin, ein bisschen Agenturszene, ein bisschen übermodern coole Kommune. Der Text hat wunderbare kleine Sätze, und lässt einen unschlüssig zurück: Soll man in dieses Paradies einziehen oder doch lieber jubeln, wenn (irgendwann außerhalb des Textes in der Zukunft) der große Krach kommt?

Winkels meint, der Tagesauftakt sei gelungen, und spricht von Wellnessoasen. Er lobt die Genauigkeit des Textes, die geholfen habe, Langeweile zu vermeiden. Strigl erkennt eine “Generation Obstkorb” und zieht Parallelen zu “Truman-Show”. Kapitalistische Idee des neuen Menschen. Feßmann findet einen Vorwurf an Eltern, die keine sind. Für Jandl fällt die künstlich aufgebaute Welt wieder zusammen. Keller (er)findet das schöne Wort “Kultur-Täter” und sieht eine Zelebration des Sekundärlebens. Winkels hat beim Lesen einen Schmerz gespürt, den ihm der Rest der Jury abspricht. Sulzer antizipiert einen Zusammenbruch. Spinnen stimmt zu und spricht von Katastrophenfilmen. Er findet den Text schön, lustig und unterhaltsam - und meint, das sei sein Problem. Der Rest der Diskussion verliert sich.

Mit einer schnellen kalten Dusche und dem zweiten Kaffee verpasse ich das Videoportrait von Anne Richter. (Ich hab dieses Jahr überhaupt kein Autorenvideo gesehen, außer dem hüpfenden Sessel, fällt mir auf.) Ihr Text beginnt als düster-halbidyllische Familienminiatur auf einem Begräbnis, was ja an sich nichts Schlechtes ist, aber mich sofort zum Gähnen bringt. Ein kurzes dramatisches Aufblitzen mit Bierflaschenscherben und Blut, dann wieder elendslange Beschreibungen von Ferienlager und Tischtennisspielen. Viel zu viele selbstverständliche Eigenschaftswörter und dann doch wieder Blut am Fuss, und ich kann ihr nicht zuhören, der Vortrag genau so zäh und getragen wie der Text. Nicht enden wollende Beschreibungen davon, wer wann wo wie im Raum steht, und welche Hände sich wie bewegen oder auch nicht.

Sulzer findet den Text “gut gemacht, aber brav”. (Ich finde langsam die Jury zu brav.) Strigl meint, das war blutleer und träge. Feßmann will eine Lanze für den Text brechen und versteigt sich bis in eine “Maria-Magdalena-Szene”. Winkels hat ein “erzählerisches Unglück” erlebt (ich auch). Keller hat eingeladen und sieht eine Geschichte in Pastellfarben erzählt. Spinnen holt weit aus und meint dann, er erkennt die Anstrengung, aber gelungen scheint ihm der Text nicht zu sein. Ich denke, ich habe mich nicht allein gelangweilt.

Michel Božiković gibt sich im Portrait sportlich: Segeln & irgendein Kampfsport. Kroatische Inseln. Auch der Text geht mit Inseln los, mit einem Mond darüber. Er liest (zu) schnell, atemlos geradezu. Erscheinung des Autors und Tonfall des Texts irgendwie ein hauch von frühen 60er-Jahren, auch wenn aktuellere Ereignisse darin vorkommen. Die Erwähnung von Castaneda lässt auf Drogen hoffen, die aber dann nicht vorkommen. Archaisches: Sonne, Mond, Wellen, Wind, Tiere in karikaturhafter Vermenschlichung. Krieg, Soldaten, Polizisten, Standard-Kampfszene. Viel “man” im Text. Absichtlich künstlich, aber es stört mich. Fluchtfilm, hat “man” auch schon besser gelesen.

Winkels wünscht sich einen Beginn am Ende von Tarantino endet auf abgeschmackt klischeehaft. Sulzer sieht die Ereignisse nur in der Imagination des Erzählers, während dessen tatsächliches ich über eine Schweizer Autobahn brettert. Ich hänge die Wäsche auf, statt weiteren Intellektualisierungen des Trivialen zu lauschen. Als ich wiederkomme, wird über griechische Tragödien, das “man” als Maske, und über Karl-May-Filme schwadroniert.

Ein Streichelzoo spielt die tragende Rolle in Thomas Klupps Video. Der Text geht mit Porno los. Bunt, nein vielmehr pastellfarben beschriebene Vaginen. Es geht um eine Arbeit im Literaturbereich, ‘Inszenierungsstrategien des Expliziten in Onlineangeboten westlicher Mainstreampornographie’. Das Publikum, das bei den Vaginen noch vornehme Zurückhaltung übte, lacht. Auch die “Verbeamtung im Schoß der Alma Mater” löst im Umfeld von Cumshots und Blowjobs große Heiterkeit aus. Die gewollt heitere Schlüpfrigkeit des Textes nützt sich recht schnell ab, er nimmt die Kurve zum von sich selbst erfüllten Unibetrieb, aber irgendwie bleibt alles flach.

Feßmann und Keller finden den Text lustig, bis die Selbstreflexion zunimmt. Jandl wagt das Wort “langweilig”. Strigl findet die Beschreibung des Universitätsbetriebs nicht so sehr übertrieben. Spinnen findet das schlimm. Er lobt die satirische Figur, spürt aber eine Ermüdung, weil der angekündigte Anspruch nicht eingelöst wird. Winkels hat eingeladen und verteidigt müde.

Das wars. Ab 15 Uhr abstimmen zum Publikumspreis, und zwar hier. Meine Stimme kriegt Steffen Popp, für die lyrische Sprache, und dafür, dass sich die eigentliche Geschichte wie von selbst zwischen den Sätzen erzählt hat.

Auf Diigo habe ich noch ein paar Links zum Thema zusammengetragen, werden bis morgen noch laufend ergänzt.

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08. Juli 2011, 15:08 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2011

Nina Bußmann
Text Autorin

Der Text leidet an Ereignislosigkeit und am entsprechenden Vortrag der Autorin. Etwas steht im Raum, neben Lehrer und Schüler und der möglicherweise gegebenen Ohrfeige, zwischen ertrunkenen Schnecken und wucherndem Unkraut, aber insgesamt ist der Text nicht interessant genug, um wissen zu wollen, was das eigentlich ist.

Allgemein lobt man die schwebende Art dessen, was passiert ist, oder nicht passiert ist, oder vielleicht passiert ist. Sulzer meint, der Mann ist schwul, und wenn er es nicht ist, ist er verklemmt. Später geht es noch um “stirngeografische” Ungenauigkeiten und die Feindschaft zwischen Lehrer und Schüler an sich.

Steffen Popp
Text Autor
Ein springender Sessel im Video, sonst nix. Lustig.
Im Auto zu vielt durch ehemals sozialistische Landschaften. Schöner Mehrfach-Stream of Consciousness, mehrere Bewusstheiten eigentlich. Kann zwar das anfangs mitreißende Tempo nicht durchhalten, verliert sich absatzweise in Beliebigkeit, fängt sich dann wieder. Mein Favorit, bislang.

Strigl findet eine Spurensuche und einen Film. Manchen Juroren ist das Ganze zu zerrissen. Jandl sieht einen betrachtenswerten Teppich. Der Thüringer Wald löst gemischte Gefühle aus. Insgesamt bleibt die Kritik leider mehr beschreibend als anlysierend.

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08. Juli 2011, 12:13 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2011

Linus Reichlin
Text Autor

Ein Arzt in einer ungenannt bleibenden Kriegsgegend, Afghanistan hat man dennoch sofort im Kopf. Der Arzt schießt nach einer Explosion auf zwei Frauen - oder eben auch nicht. Sandalen. Gehirnerschütterung, oder schlimmeres. Es wird geraucht, es ist staubig, heiß, und abends windig. Zum ersten Mal in diesem Jahr will ich wirklich wissen, wie es weiter geht. Schöne kleine Ideen, die Sandalen, das Wort, die medizinische Selbstbeobachtung.

Winkels ist die Geschichte zu klein und zu psychisch, was irgendwie am Text vorbeigeht. (Muss leider telefonieren & verpasse einiges) Irgendjemand zieht den Vergleich mit Hemwingway. Frau Keller spricht viel passender von Don Quijote. Spinnen zieht Vergleiche mit selbst Erlebtem. Ich finde die Jurydiskussion etwas flach insgesamt.

Maja Haderlap
Text Autorin

Wald, Männer, Vater, Krieg. Schon die ersten Absätze so getragen altbacken, dass ich am liebsten abdrehen möchte. Kärntner Slowenenthematik, aber leider furchtbar betulich, beschaulich, gähn. Sogar die Mobbingszenen klingen irgendwie niedlich. Danach Holzhämmer wie Jagd, Lager, Tod neben Allgemeinplätzen wie trägen, fetten Kühen. Schade um das gute Thema.

Die Jury dagegen findet den Text gut, ja sogar makellos. Jandl erklärt die historische Ebene, die eh alle längst verstanden haben. Nur Frau Feßmann zeigt zumindest ein paar Schwächen auf. Handke wird ins Spiel gebracht, das grenzt an Blasphemie.

Julya Rabinowich
Text Autorin

Ein wilder, düsterbunter Text, der mit seiner Metaphorik streckenweise “gar nicht geht”, dann wieder Fahrt aufnimmt und einen mit dorthin reißt, wo man gar nie hinwill. Ein Geflecht von Geschichten, die krank, schweißig und blutig sind.

Die Jury findet den text schwierig, teils “zu schwierig” (darf sie das?) und rätselt, welcher Art die Beziehung jetzt wirklich ist. Etwaige interessante Gedanken werden von der neu-klagenfurter Zeitnot im Keim erstickt.

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07. Juli 2011, 14:22 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2011

Anna Maria Praßler
Text Autorin

Uniatmosphäre und abstrakte, dann nicht so abstrakte Todesfälle. Berlin. Zeiten laufen durcheinander, wirkt aber natürlich. Die ganze Geschichte klingt so, als hätte man sie schon 100 mal gehört. Abgegriffene Allgemeinplätze, eckige Sprache. Schade eigentlich, die Geschichte selbst hätte funktionieren können.

Die Jury ist uneins, das ist immerhin bunt.

Antonia Baum
Text Autorin

Charmant-nervige jugendliche Überheblichkeit mit surrealen Drogen-Anklängen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gefällt mir der Text gut, trotz kleiner Durchhänger.

Strigl sieht eine Thomas-Bernhard-Parodie, eine missglückte noch dazu. Ich nicht. Die Jury gibt sich überhaupt abgeklärt und altersweise. Winkels verteidigt “seine” Autorin gekonnt, Spinnen wird unnötig persönlich.

Das war der erste Tag.

Bachmannpreis 2011, (mehr oder weniger) livegebloggt 1

07. Juli 2011, 11:53 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2011

Gunther Geltinger
Text Autor

Kälte, Schnee und Kotze in zögerndem Vortrag. Später noch seltsam umschriebenes Sperma und Kacke. Finsteres Moor, das aufsteigt und ins Haus kommt. Eine Mutter, die malt und raucht und irgendwann nicht mehr will. Schlaftabletten, ein böser Onkel, Tod und noch mehr Schnee. Insgesamt ein Psycho-Text von der Sorte, mit der ich wenig anfangen kann.

Strigl - gelungene Bilder, aber auch missglückte Metaphern.
Winkels - hätte man mit kleinen Kniffen in einen guten Trash-Text verwandeln können.
Keller - sieht in der Kotze eine Metapher für die unverdauten Erlebnisse, oder so ähnlich.
Feßmann - sieht ein fatal enges Mutter-Sohn-Verhältnis
Jandl - Autor ist seiner Mittel nicht ganz sicher.
Sulzer - vegetative Ebene der Körperflüssigkeiten, dagegen die Ebene der verwischten Bilder

Die Jury wird kurz gehalten und darf nicht ausschweifen.

Maximilian Steinbeis
Text Autor

“Einen Schatz vergraben”. In Anleitungsform. Schleimiger Bankberater, also quasi topaktuell. Weitgehende Abwesenheit von Körperlichkeit ist momentan sehr erleichternd. Ein gewollt glatter Text; was Leichtes. Erfrischend, aber nicht sonderlich literarisch.

Sulzer fand es beim ersten Lesen witzig, danach hat er auf die Details geschaut, die so nicht funktionieren.
Jandl sieht nichts Neues und vermisst die Genauigkeit
Winkels meint, der Autor exekutiert eine Idee mit letzter Konsequenz.

(Ich langweile mich & gehe statt weiterer Worte Frühstück holen.)

Daniel Wisser
Text Autor

Kopfschmerzen (der Autor, nicht ich). Ungewollte Ehefrau, gewollte Geliebte, doppelt verboten, weil innerbetrieblich verboten. Passivkonstruktionen en masse, wohl als Demonstration der Passivität des/der Protagonisten. Im Grunde keine schlechte Idee, nur zu intensiv. Aber immerhin, der Text wagt etwas mit und an der Sprache, was ich immer wieder einfordere. Auch wenn die Art sehr nervig war.

Dementsprechend lebhaft die Jurydiskussion. Vielleicht wird’s ja doch noch was.