Andrea Sturm

Tageblogging

Am Zentralfriedhof ist Stimmung…

01. November 2011, 23:19 - Wien · Tageblogging

Der erste November ist ein Tag voller Symbole und Traditionen und als solcher einer, den ich am liebsten ignoriere. Aber aus irgendeinem Grund habe ich mir dieses Jahr in den Kopf gesetzt, den Zentralfriedhof zu besuchen um dort ein paar Fotos zu machen, und prompt fand sich auch jemand, der genau solche Fotos brauchen konnte, also: Kneifen war nicht drin. Ich rollte also am frühen Nachmittag, obwohl ich mich zu diesem nebelig-trüben Zeitpunkt lieber mit einem Buch auf meine trockene Couch zurückgezogen hätte, entschlossen Richtung 11. Bezirk, im 6er (natürlich hätte ich mit der U-Bahn deutlich schneller ums Eck fahren können, aber wenn schon Exkursion, dann bitte auch durch unbekanntes Gelände).

Im Vergleich zu den Zwangs-Besuchen meiner Kindheit (die allerdings alle auf Grazer Friedhöfen stattfanden) zeigten die Buden am Eingang zum Zentralfriedhof deutlich weniger Naschwerk, Nippes und Blumen, dafür reichlich Kränze und Saufzeug (Glühwein und Bier). Maroni gab es aber nach wie vor.

Zentralfriedhof

Drinnen war es ganz tröstlich trostlos, trotz all der vielen Menschen rundherum. Blumenbringer und Kerzerl-Anzünder waren in der Minderzahl, Feiertags-Spaziergänger und Familienausflügler hatten deutlich die Oberhand. Ich irrte durch die Reihen und fotografierte wie geplant einsame und kerzengeschmückte Gräber, las mit Staunen so manche Grabinschrift (Ob ein goldglänzendes “Auf Wiedersehen” ein freundliches Versprechen oder doch eher eine gefährliche Drohung darstellt, hängt wohl stark davon ab, wer da unten liegt).

Nach der fotografischen Pflicht mäanderte ich noch freiwillig durch die Ehrengräber. Schubert, Johann Strauß, und Beethoven durften sich auch nach vielen Jahren irdischer Abwesenheit an zahlreichen Kerzen und Blümchen erfreuen, von Blitzlichtgewittern und strahlenden Japaner_innen ganz zu schweigen. (Heimische Besucher gingen das dagegen teils recht pragmatisch an: “OK, Beethoven, Schubert, Brahms, 2x Strauß - fehlt uns noch wer?”)

Vor der Wucht des Hrdlickaschen Monuments verblassten Blümchen beinah chancenlos, und auch die Kerzen auf der anderen Seite hatten kaum Erhellendes beizutragen.

Sehr schlicht und beinah ungeschmückt das Grab von Hansi Dujmic. Mir war fast danach, ein Kerzerl hinzustellen, aber es gab nur noch solche mit Jesus und Kreuzerl. Das hätte ja nun gar nicht gepasst.

Nicht gewusst habe ich übrigens, dass auch der unnachahmliche Waluliso sehr malerisch und prominent bestattet ist.

Optisch höchst wertvoll fand ich auch das Grabmal von Emmerich Kálmán - Dunkelrote Rosen vor weißer Dame vor schwarzem Marmor - das hat was.

Die Politik ließ ich weitgehend unfotografiert liegen. Auffällig war mir nur der Kontrast zwischen zwei wirklich starken Frauen - der üppige Blumen-Schmuck für Rosa Jochmann gegenüber der rührenden Schlichtheit von Johanna Dohnals Grab, das auch eineinhalb Jahre nach ihrem Tod nur eine einfache Holztafel ziert.

Während es langsam dunkel wurde, spazierte ich durch den “Waldfriedhof” auf ländlich anmutenden Wegen, auf denen außer mir keiner mehr war. Abseits der zentralfriedhöflichen Hauptstraßen ist man offenbar auch an Allerheiligen schnell allein und darf dann philosophieren, was wohl passieren möcht’, tät’ man die Sperrstund versäumen. Ich versäumte aber nicht, sondern fand den Weg zurück in die Gräber-Zivilisation und schaute noch bei Falco vorbei, dem mit Abstand am meisten besuchten und kerzerl-geschmückten Grab weit und breit (auf den Extra-Tisch für die Kerzen hatte jemand ein Bild von Ronnie James Dio gelegt, das wirkte ganz seltsam jenseits und doch irgendwie schlüssig).

Danach, in Abwesenheit der traditionellen Allerheiligen-Spezialität meiner Kindheit (Türkischer Honig) noch die ersten Maroni des Jahres gekostet. Geschmack und Konsistenz ließen auf Vorjahresernte schließen, aber das Glück der Marktstandler bei solchen “Events” ist halt, dass sich im nächsten Jahr eh keiner daran erinnert, wie’s heuer geschmeckt hat.

Und schließlich mit dem 69a heimwärts gegondelt (den kannte ich bislang auch noch nicht).

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Der letzte Sommertag des Jahres

06. Oktober 2011, 19:26 - Chronistisch · Tageblogging

Gestern erst weit nach Mitternacht ins Bett, gerade noch die traurige Nachricht von Steve Jobs Tod mitgekriegt. Im ersten Augenblick an einen dummen Scherz gedacht, wegen der iPhone4S-Geschichte, aber es war schon auf allen Portalen. Es wird viel gestorben, dieses Jahr, dachte ich auf dem Weg ins Bett, wieder einmal, wie schon zu oft. Zu oft in diesem Jahr.

Too Many, Too Sad

Ich schlief schlecht ein, nicht wegen der Nachricht, sondern weil ich im Kopf noch meine monströse ToDo-List für den Morgen wälzte, die sich auch mit hoher Disziplin und viel Glück nur schwer ausgehen konnte. Dazu unbezahlte Rechnungen und überfällige Entscheidungen und nicht erledigte Telefonate, was man halt so denkt, wenn man eigentlich schlafen will. Aber irgendwann schläft man doch.

Der Wecker, dem meine temporäre Schlaflosigkeit egal ist, klingelt gnadenlos um 8. Ein seltsamer Traum mit überlaufenden Waschbecken und großelterlichem Elend, aufgelockert durch eine sonnige Fährenfahrt und einen anstrengslosem Körperflug entkommt mir im Detail, bevor ich ihn protokollieren kann. Die integrierte Wetterstation zeigt bereits um diese Zeit 27 Grad. Na gut, vormittags liegt der Außenfühler in der Sonne, aber trotzdem stark - für Anfang Oktober. Ich mache Kaffee und dann das Fenster auf und denke, während der Computer hochfährt, dass es vielleicht das letzte Mal in diesem Jahr ist, dass ich ärmel- und sockenlos unbeschwert das Fenster offen stehen lassen kann. Wenn der Wetterbericht stimmt. Er dürfte stimmen. Natürlich darf man sich nicht beschweren, denke ich, während ich mich mit Kaffee zum Schreibtisch setze, wenn es Anfang Oktober dann wirklich mal weniger als 20 Grad hat, aber andererseits, der Sommer war ja nicht so richtig, dieses Jahr, da kann doch wenigstens der Herbst… und innerlich beschwere ich mich doch, bitterlich, bis die Routine meine Gedanken in ihre Umlaufbahn zieht und nach einer stark abgekürzten Runde durch News und Netzwerke nur noch Arbeit auf dem Plan steht.

Der erste wesentliche Punkt ist mittags endlich erledigt, und kurz überlege ich, den Rest der Liste sein zu lassen und doch noch einmal zumindest die Zehen ins Wasser zu halten, warum nicht, WTF, das Leben ist kurz und ab einem gewissen Alter bereut man nur noch, was man nicht gemacht hat. Aber so etwas denkt man ja immer nur und tut es dann nicht, ich zumindest. Stattdessen eine Runde hier in der Gegend gedreht, ein bisschen Bewegung, ein bisschen Sonne, ein paar Fotos. Bei Annäherung eines für Stadt-Verhältnisse viel zu schnellen Jaguars an den Zebrastreifen, den ich gerade überqueren wollte, lächelnd betont langsamer gegangen, damit er extra bremsen muss. Erst ein paar Straßen später daran gedacht, dass er ja auch nicht hätte bremsen können. In gewissem Sinn ein Fortschritt, die Abfolge dieser Gedanken, für mich.

Dann noch ein halbes Stündchen im Park gelesen, die Sonne superwarm auf meiner Haut. Hätte ich mehr Zeit gehabt, wäre ich bald in den Schatten gegangen.

Bilder, nicht fotografierte:
Die Frau, die im schäbigen Gastgarten der schlimmsten Säuferhütte des Bezirks in makellosem Business-Kostüm das Zeit-Magazin las, ein Glas Rose auf dem Tisch (vielleicht wars auch Schilcher), in dem die Sonnenreflexe tanzten.
Der riesige Hund, der ausgerechnet auf dem Zebrastreifen kacken musste; es dauerte, die Ampel wurde rot, die Gegenrichtung grün, der Hundehalter verzweifelt, erstaunlicherweise beschwerte sich kein Autofahrer, nur leises Lächeln allseits, bis das Geschäft erledigt war.
Die Tafel “Sturm’Zeit is’s” vor einem Lokal und mein Gedanke, dass eine Zeit mit solchen Apostrophen unmöglich die meine sein könnte.
Der alte Mann mit dem amputierten Bein, der jammer-bettelnd auf dem Gehsteig saß, aber wütend ausspuckte, als ihm eine Frau ein paar Kupfermünzen in den Hut warf.
Der junge Mann auf der Parkbank neben mir, der ein langes Telefongespräch führte und dabei seinen Körper mehr und mehr in sich selbst verknotete, während seine Seite der Konversation nur aus “Na”, “Na geh”, “Na wirklich ned” und “Na geh bitte” bestand.

Dann brav zurück nach Hause zur Arbeit getrottet, immer noch warm, immer noch bei offenem Fenster. Noch schnell Wäsche gewaschen, die ab morgen ja wieder länger zum Trocknen brauchen wird, also wenn es stimmt, dass der Sommer jetzt vorbei ist, aber - es wird wohl stimmen. Brav weitergearbeitet, bis es Abend wird.

Statt des 3-Mobilfernsehens, das seit dem Relaunch mehr zickt als läuft, dank des Herrn Sufis Einkaufslust The Lost Notebooks of Hank Williams aufgelegt und ein bisschen in Bildern und Netzen gestöbert. In all ihrer Old-fashioned-Country-lastigkeit passt die uber-schmalzige Musik fast schon zu gut in die Nacht. Highlights fürs erste: Bob Dylan, Sheryl Crow (erwartungsmäß), Norah Jones (nicht erwartungsgemäß).

Dann noch diverse Nachrichten nach-geschaut, alles Wesentliche ohnehin schon mitgekriegt. Die schwedischen Nachrichten, die machen übrigens mit 13 Minuten Literaturnobelpreis auf und alles andere kommt erst danach. Bin auf gerührte Weise begeistert. Den Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer gegoogelt und für sympathisch befunden. Dazu noch der nerdig-schönste Tweet des Tages (vielleicht sogar aller Zeiten):

Jetzt noch unter die Dusche und die Haare bei offenem Fenster lufttrocknen, - weil ich es kann. Vielleicht schlafe ich aus demselben Grund heute bei offenem Fenster. (Aber dann morgen wieder diese Baustelle, diese verdammte ewige Baustelle).

Filmreif

17. März 2011, 20:09 - Tageblogging

Vor meiner Haustür, eben, stand ein Pärchen im Regen. Er: Optisch ein junger Art Garfunkel, nur deutlich größer. Sie: Viel kleiner und ein Gesicht wie eine sehr junge Melanie Safka, etwas dünner vielleicht. Er trug einen Regenschirm in allen Regenbogenfarben, das einzig farbige in einer grauen, dunklen Straße, und hielt ihn so hoch, wie er nun einmal war. Sie sprachen Englisch, leise, ohne einander anzusehen. Im Vorbeigehen nur einen halben Satz gehört, “If you really love her, I guess it’s…”.

Eine seltsam lyrische Trauer empfunden, diese Szene nur gesehen, nicht erfunden zu haben. Dann einen Hauch geschämt, so etwas über wirkliche Leben zu denken. Andererseits, es gehört mehr Kunst ins Leben, warum also nicht auch mehr Leben in die Kunst?

A propos Kunst & Leben: Ganz fein war auch unser Wortklang-Auftritt am St. Pöltener Stadtflohmarkt, mein Lieblingstext (wenn man das von eigenen Texten sagen darf):

 

Ein paar mehr Ausschnitte gibt’s drüben in der Wortwerkstatt.


So, und jetzt muss ich das Radio ganz laut drehen und so tun als wär ich beim EoC Konzert im Burgtheater, anstatt nur per Radio dabeizusein.

 

 

Seltsames Timing

29. Januar 2011, 00:23 - Tageblogging

Die Muse küsst nicht, sie beißt. Da gibt es kein Entrinnen. Da hilft nur schreiben und wieder schreiben, und später, wenn die Worte ausgegangen sind, hilft nur Musik und nasse Farbe auf einem weißen Blatt. Die Hände voller Farbe & Tinte, auf irgendeinem Bildschirm wird demonstriert, in Ägypten, in Saudi-Arabien, auf der Mariahilferstraße. Ich würde mich gerne dafür interessieren, weil es wichtig ist, weil es stark ist, aber ich sitze am Boden, die Musik lauter, als meinen Nachbarn lieb ist, und schmiere Acrylfarbe auf Papier. Die Muse: Kein hübsches Mädchen im Sommerkleid, sondern Sumo-Ringerin mit einem bösen Glitzern in den Augen. Sven Regener singt von 3 Finger breit Gin in seinem Glas, und die hätt ich jetzt auch gern, aber die Bar ist woanders und mein Kühlschrank ist leer. Macht es denn einen Unterschied, ob ich etwas sage zu den Ereignissen des Tages? Nein, macht es nicht, das Schweigen macht mich nur dunkel. Und ein bisschen ängstlich vielleicht. Macht es denn einen Unterschied, ob ich schreibe, singe, male? Nein, macht es nicht, aber ich fühle mich anders, stärker, vielleicht sogar freier: danach.

Die Worte sind für ganz woanders, aber die Bilder, die sind nur für mich.

I PUT A SPELL ON YOU (but the beast is watching)
I PUT A SPELL ON YOU (but the beast is watching)

ANGST
ANGST

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Sonnenschnee & Netzgedanken

03. Januar 2011, 22:16 - Tageblogging

Der meistgelinkte Artikel der letzten Tage ist wohl RSS is Dying, and you should be Very Worried. Der bevorstehende Tod von RSS wird da am Firefox-Plan festgemacht, den Auto-Detect-Button aus der Adresszeile zu nehmen. Was natürlich schade wäre - aber kein Weltuntergang. Für RSS gibt es weit und breit keinen Ersatz. Wer jetzt “Twitter” sagt, darf versuchen, nach einer Woche Netz-Abstinenz den Vögelchen nachzulaufen.


Habe von RTM auf Toodledo umgestellt. Ergebnis: Ich nehme meine ToDo-Liste wieder ernst.


Wie gestern schon beginnt es zu schneien, als ich aus dem Haus trete, und hört wieder auf, als ich zurückkomme. Fühle mich verfolgt. Hinter den Flocken ist blauer Himmel & Sonnenschein. Ein Flöckchen schmilzt auf meiner Nase, das ist beinah sinnlich.

Foto von gestern:
Schneetreiben

Mittags ein Gulasch vom Radatz. Wollte nur Brot holen, aber als ich das Wort Gulasch las, tat sich ein schwarzes Loch in meiner Magengegend auf, das drohte, Filiale, Stadt und Welt zu verschlingen. Gulasch also zur Rettung der Menschheit mitgenommen. Es war von einer dermaßen intensiven Geschmacklosigkeit, dass ich aufstand und mir eine Olive holte, um festzustellen, ob meine Sinne noch funktionieren. Ergebnis: Meine Zunge ist in Ordnung. Rätsel der Menscheit: Wie kriegt man Rindfleisch völlig geschmacksfrei?

Dann doch wieder einen Buchkalender gekauft, obwohl im letzten Jahr insgesamt vielleicht 20 Seiten benutzt. Es fehlt was, wenn keiner auf dem Tisch liegt. Diesmal aber A6 statt A5. Vielleicht fallen ja ein paar Worte hinein.