Andrea Sturm

Politisch

Die “faulen” Griechen und “unser” Geld

18. Juni 2011, 18:03 - Politisch

Es geht auf keine müde Ziegenhaut mehr, was Blök-Medien wie Krone und Bild über Griechenland und dessen Bewohner alles verzapfen. Der Deckel “Political Correctness” ist vom brodelnden Druckkochtopf der volkstümlichen Vorurteile geflogen, und alles, was man den Ausländern an sich schon lange nicht mehr ungestraft nachsagen darf, darf man jetzt immerhin wieder den Griechen aufs fette Olivenbrot schmieren - ej, die faulen Säcke verprassen ja unser Geld!

Völlig uninteressant scheint im Zusammenhang die simple Tatsache zu sein, dass es in der ganzen Geschichte weder um “unser” Geld noch um das der Griechen geht, sondern um die Zinsen und Zinseszinsen von internationalen Geldinstituten, deren Geldvermehrungsmethoden möglicherweise nicht immer zwielichtig, aber in jedem Fall moralisch höchst fragwürdig sind.

Für eine kurze, treffende Analyse (inklusive Portugal und Irland) empfehle ich Volker Pispers (ist es nicht bezeichnend, dass man schon wieder Kabarettisten braucht, um halbwegs die Wahrheit zu hören?). Für weiterführende Informationen sorgt Michalis Pantelouris in seinem Blog Print würgt. Einen gangbaren Lösungsvorschlag zeigt Christoph Chorherr. Und natürlich ist die mediale Hetzjagd auch ein wiederkehrendes Thema auf Kobuk.

gar nicht wahr

Was dagegen gar nicht geht, sind dümmliche Schlagzeilen wie die links (Krone). Die implizite Falschmeldung, “wir” würden “den Griechen” das Geld schenken (anstatt, wie es tatsächlich der Fall ist, zu etwas günstigeren Konitionen zu verleihen), ist einfach zu schräg, um irrtümlich an irgendeinem Chefredakteur vorbei zu gehen. Diese Desinformation hat Methode. Nur - wozu?

Ein Scheitern des europäischen Wirtschaftsraumes (das, wenn Länder wie Griechenland, Irland und Portugal dem Euro entsagen müssten oder gar pleite gingen, kaum vermeidbar wäre), kann niemand ernsthaft wollen, der die Dynamik der Weltwirtschaft auch nur ansatzweise begriffen hat. Außer natürlich, er hält die eigene nationalstaatliche Nase für wichtiger als das Wohlergehen der Menschen in dem von ihm so hoch gelobten $Staat. Und so dumm kann dann doch niemand wirklich… ach, lassen wir das. Und hören wir lieber jemandem zu, der sich mit Wirtschaft auskennt.

Raucher oder Nichtraucher?

28. März 2010, 23:06 - Politisch

Die schon lange schwelende Frage (pun not intended, aber welcome) schlägt derzeit so hohe Flammen, dass ich nur ungläubig den Kopf schütteln kann. In meinem Facebook stapeln sich je mehr als 20 Einladungen zu “Alle Lokale rauchfrei” und “Wir brauchen keine rauchfreien Lokale”. Ich hab nicht vor, einer dieser Gruppen beizutreten. Rauchen oder nicht rauchen - das ist Privatsache. In meinen Augen wär es auch Privat-, oder vielleicht auch Geschäftssache, ob ein Wirt sein Lokal rauchfrei oder rauchfreundlich hält, aber da habe ich wohl die Rechnung ohne Vater Staat gemacht.

Selbst bin ich ein höchst bemüht rücksichtsvoller Raucher. Sagt zum Beispiel der Herr Sufi. Es würde mir niemals in den Sinn kommen, mir in einer Nichtraucherwohnung eine anzuzünden, und selbst in Rauch-gemischten Haushalten halte ich mich rauchfrei, zumindest bis ich die jeweiligen Gepflogenheiten verstanden habe (das sage ich so kompliziert, weil fragen hier nicht weiterbringt - kaum jemand sagt nein, wenn man fragt ob man darf. Dabei dürfte doch jeder nein sagen). Ich beachte Rauchverbots- ebenso wie “Bitte-nicht-rauchen”-Schilder, selbst wenn rund um mich schon 5 Glimmstengel qualmen. Ich bin absolut dafür, dass jeder Nichtraucher ein rauchfreies Leben führen kann. Ich bin zum Rauchen schon vor die Tür gegangen, als man bei uns dafür noch ausgelacht wurde - das habe ich in jungen Raucherjahren in Skandinavien gelernt. Selbst in Raucherlokalen lasse ich es bleiben, wenn ich ausschließlich mit Nichtrauchern am Tisch sitze. Ich schüttle indigniert den Kopf, wenn ich in Langstreckenzügen auf der Toilette Zigarettenrauch rieche. Das Rauchen ist im Zug verboten. Ich lebe damit (und genieße um so mehr die Zigarette nach der Ankunft).

Ich habe allerdings nie versucht, mit dem Rauchen aufzuhören. Aufhören interessiert mich nicht. Es gibt 4-5 Zigaretten am Tag, die sind so wunderbar, dass ich nicht die geringste Lust habe, darauf zu verzichten. Natürlich gibt es die Zielvorstellung, die anderen 15-20 aus dem Tagesablauf zu streichen, das gelingt manchmal besser, manchmal schlechter. Aber aufhören? Ohne mich.

Und ich hab es sehr, sehr satt, mich von Hinz und Kunz dafür massregeln zu lassen. Ich nehme, wie oben gesagt, gerne Unbequemlichkeiten auf mich, um den Nichtrauchern meinen Rauch zu ersparen. Das ist in meinen Augen eine selbstverständliche Höflichkeit. Aber genau das muss eben auch genügen. Die militanten Nichtraucher, und manchmal gar die Raucher selbst, führen einen nahezu biblisch anmutenden Feldzug gegen jeden am Horizont auftauchenden Glimmstengel außerhalb der dezidierten Nichtraucherzonen. Nicht rauchen ist die neue Religion. Und das, das spiel ich so nicht mit.

Top 5 der inakzeptablen Beispiele aus der letzten Zeit:

#5 In einem Konzert, in der Pause, hirschte ich quer durch das Riesengebäude zum einzigen Raucherbuffet des Hauses und zünde mir in der Warteschlange wie viele andere vor und hinter mir den lange erwarteten Glimmstengel an. Nur um von der Seite angepfiffen zu werden: “Müssen sie jetzt hier rauchen?” - Ich habe nicht geantwortet: “Nein, aber ich will. Wie ungefähr hundert andere Leute in diesem Raum auch. Wenn es sie stört, wählen Sie doch eines der zahlreichen Nichtraucherbuffets im Haus.” Aber weitergeraucht habe ich. Schweigend.

#4 Auf einem deutschen Bahnhof, am Freiluft-Bahnsteig, standen 5 Menschen im gelb auf den Asphalt gemalten Raucherqudarat (schätzungsweise 3 Quadratmeter) und rauchten. Ansonsten war der Bahnsteig leer. Völlig leer. Weit und breit niemand in Sicht, also auch kein Nichtraucher. Da ich nicht so gern allzu nahe bei anderen stehe, stellte ich mich 1 Meter neben das Quadrat und zündete mir eine Zigarette an. Nur um von einem selbst rauchenden Typen innerhalb des Quadrats gemassregelt zu werden: “He! Sie stehen in der Nichtraucherzone!”. Hier war ich wenigstens halbwegs schlagfertig, und antwortete mit übertriebenem Wiener Akzent: “Und? Sehen Sie hier irgendwo jemand, den das stören könnt’?”

#3 In einer Pension am Bodensee ging ich zum Rauchen ganz selbstverständlich auf den Balkon, wie ich es gewohnt bin. Letzter Stock, kein Fenster, kein weiterer Balkon darüber, wo der Rauch stören könnte - selbst wenn bei den damals herrschenden Temperaturen um die 5 Grad überhaupt jemand draußen gesessen wäre. Am nächsten Tag zog mich die Hauswirtin zur Seite - “Hören Sie, bei uns wird auch am Balkon nicht geraucht!”. Natürlich ging ich fortan stattdessen auf die Straße. Und fahre dort sicher nicht mehr hin.

#2 In einem großen Park mit vielen Bänken, letzten Herbst, setzte ich mich, mit Blick in die Sonne, um die letzten Strahlen zu genießen. Von den vielen Bänken waren kaum welche besetzt, im Umkreis von 50 Metern gar keine. Ich sonnte und rauchte mit geschlossenen Augen, bis die Bank erzitterte und eine Stimme quängelte: “Machen Sie die Zigarette aus!” - Ich öffnete die Augen und erblickte eine schrumpelige Alt-Grüne (dem Outfit nach zu schließen), und rund um uns noch immer fast nur leere Bänke. “Hej, Alte! Setz dich doch woanders hin!” habe ich nicht gesagt. Aber es war das erste, und hoffentlich auch das letzte Mal, dass ich absichtlich Rauch in Richtung eines Nichtrauchers geblasen habe.

#1 Auf einer rauchfreien Party fand sich der ~ 200-Kilo-Mann, der mir auf den Raucher-Balkon nachstieg, um mir einen ausführlichen Vortrag Vortrag darüber zu halten, wie meine asoziale Zigarette das Gesundheitssystem schädigt. He! Amigo! Wir könnten eine lange Diskussion darüber führen, ob dein nicht medizinisch bedingtes Übergewicht oder meine Zigaretten ein größeres Loch ins Krankenkassenbudget schlagen (bislang bin ich, wie meine Ärztin angesichts der Blutwerte vermerkt, für mein Alter “ungewöhnlich gesund”), aber wenn du versuchst, mir physisch(!) die Zigarette aus der Hand zu reißen, dann musst du eben damit rechnen, dass ich sie stattdessen in dem letzten Stück Schokoladetorte ausdrücke, das du vor meinen bislang schokolos gebliebenen Augen rücksichtslos an dich gerissen hast. Du hattest vorher schon mindestens zwei! (Hab ich nicht gemacht. Ich hab nur geschimpft. Aber ehrlich, ich wünschte, ich hätte.)

Ich gehe weite Wege, um niemanden mit meinem Rauch zu belästigen. Und zunehmend habe ich das Gefühl, dass Nichtraucher ebenso weite Wege gehen, um sich dennoch belästigt fühlen zu dürfen. Sobald sie sich belästigt fühlen, sind sie natürlich im Recht. Das bestreite ich gar nicht. Aber vielleicht müsste man nicht ganz so sehr danach suchen, belästigt zu werden?

Für lange Durstrecken, aber auch zunehmend für den normalen Gebrauch, habe ich übrigens mittlerweile e-Zigaretten. Das ist ziemlich genial. Es schmeckt, befriedigt die orale Komponente, raucht aber nicht. Es ist noch nicht ganz klar, wie ungesund das im Verhältnis zu Zigaretten tatsächlich ist, aber gegenüber dem Rauch und den vielen hochgiftigen Zusatzstoffen ist es wahrscheinlich ein Fortschritt. Nur nicht für die militanten Nichtraucher. Die sehen die orange LED aufleuchten - und fühlen sich schon vergiftet. Obwohl da definitiv gar nichts raucht.

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Die Sache mit der Krise

04. Januar 2009, 13:26 - Politisch

Als ich diesen Beitrag in Claudias Sammelmappe las, entfuhr mir, ich muss es gestehen, ein leicht genervtes “Ach!”. Das spricht jetzt weniger gegen den Beitrag an sich, sondern hat viel mehr mit einem der grundlegenden Unterschiede zwischen Deutschen und Österreichern zu tun. Während unsere nördlichen Nachbarn dazu neigen, vor allem schlechte Prognosen immer sehr ernst zu nehmen, ist der Österreicher eher geneigt, die Dinge auf sich zu kommen zu lassen - denn das tun sie ohnehin, und wie es wirklich wird, weiß man erst, wenn die Zukunft da ist. Wo im ZDF ein Nachrichtensprecher mit besorgtem Gesicht konstatieren könnte: “Die Lage ist ernst, sehr ernst”, zwinkert der Österreicher ein “Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.” - und kommt er gar noch aus Wien, könnte es passieren, dass er dazu grüßend sein Weinglas hebt und leise anfängt, die Geschichte vom lieben Augustin zu singen. Wird schon irgendwie weitergehen. Irgendwie ist es immer noch weitergegangen.

Aber was ist denn nun mit der Krise? - Tja, wenn ich das so genau wüsste, könnte ich mich wohl vor Fernsehterminen kaum retten. Ich meine aber, dass wir es mit mindestens zwei Krisen zu tun haben. Eine, die längst da ist, aber kaum wahrgenommen wird, und eine ganz andere, die uns noch nicht richtig erreicht hat, aber bereits jetzt zur finanziellen Apokalypse hochgehyped wird.

Die vorhandene, heimliche Krise trifft die Kleinen, oder besser, hat sie längst getroffen. Wer, aus welchen Gründen auch immer, keine Arbeit hat oder nur solche, deren Bezahlung knapp das Existenzminimum erreicht, dazu vielleicht noch ein paar Kinder und/oder eine Krankheit (nicht vergessen: Kinder sind unsere Zukunft, und Krankheit kann jeden treffen) der findet sich schnell in den Caritas-Supermärkten für abgelaufene Ware wieder und muss um das Dach über seinem Kopf bangen. Definitiv keine Sorgen muss er sich dagegen um den Benzinpreis machen, denn Auto hat er ohnehin längst keines mehr. Der Staat, oder besser: Die Staaten zucken bedauernd die Schultern und empfehlen, sich mehr anzustrengen - das Steuergeld wird woanders gebraucht, für Verwaltung, für Wirtschaftssubventionen und neuerdings halt auch für marode Banken. Zu dem Thema habe ich ja vor Jahren schon Mal etwas geschrieben, an der Aktualität hat sich bis heute nichts geändert.

Die Hype-Krise dagegen, die trifft - tja, bis jetzt trifft die hierzulande niemanden persönlich. Die vielbeschworene Blase, die geplatzt ist, hat eine Krisen-Blase ausgelöst, in der alle panisch herumstrampeln, weil die verlorenen Zahlen so hoch sind, dass sie “ein normaler Mensch gar nicht begreifen kann” (O-Ton Fernseh-Experte, der sich offenbar nicht zu den normalen Menschen rechnet). Aber was ist eigentlich passiert? Banken und Staaten haben anderen Banken Geld geliehen, das sie gar nicht hatten, in der Hoffnung, dass die Zahlen in den Büchern auf dem Bildschirm am Ende der Transaktion hinten ein paar Nullen mehr haben. Eine Art Termingeschäft, nur ohne Ware. Die endgültige Perfektion der abstrakten Geldwirtschaft. Mit anderen Worten: Es wurde Geld herumgeschoben, von dem man hoffte, dass man es irgendwann einmal bekommen würde. Dummerweise fehlte den vielen Nullen hinten irgendwie plötzlich die führende 1.

Mal sehen. Wenn ich morgen losgehe und mir mit meiner Kreditkarte die neue Flaggschiff-Canon mit 5 Objektiven hole, weil ich der Meinung bin, dass ich am Mittwoch ohnehin im Lotto gewinne, dann kriege ich aller Wahrscheinlichkeit nach Probleme. Vielleicht kann ich sogar ein, zwei Monate lang fotografieren, bevor mich die Wirklichkeit einholt - aber die wird dann wohl so aussehen, dass nicht nur die Kamera weg ist, sondern auch die Kreditkarte, strafbar habe ich mich auch gemacht, und irgendwelche Kredite oder sonstigen finanziellen Veträge kann ich mir für viele Jahre nur noch aufzeichnen.

Wenn dagegen eine Bank ganz ähnlich handelt, dann läuft sie zum Papa Staat, der schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, jammert ein bisschen (“Kindchen, was hast du denn nun wieder angestellt?”) und leert dann den Sparstrumpf. Auf dass alles so weitergehen kann, wie es immer schon war.

Das Interssante daran ist ja vor allem, dass Banken und Wirtschaftsfachleute, die Jahre und Jahrzehnte lang gewettert haben, der Staat möge sich nicht überall einmischen, wir brauchen freieren Handel und eine freiere (Markt)Wirtschaft, alles andere wäre Sozial- wenn nicht gar Kommmunismus - dass genau dieselben Banken und Fachleute jetzt der Meinung sind, der Staat müsse eben genauer regulieren und kontrollieren, dann könnte sowas nicht passieren. Tja. Was denn nun?

Ist doch ganz logisch und wunderbar zynisch:  Gewinne sind immer ein Verdienst der Experten, die alles richtig geplant und gemacht haben. Daher steht das gewonnene Geld zur freien Verfügung der Gewinnenden. Die Verluste dagegen, die waren nie vorhersehbar, und deshalb muss der Staat ran - und damit der Steuerzahler. Kein Wunder, dass an den Sozialleistungen gespart werden muss. Man muss schließlich Prioritäten setzen. Und der Verantwortliche für die Verluste, falls sich denn einer finden lässt, wird vielleicht sogar, wenn er sich nicht geschickt herausreden kann, in die Wüste geschickt - aber natürlich nicht ohne saftige Abfindung. Wasser ist schließlich teuer in der Wüste.

Das Geld der Mittelschicht, soweit es als Sparanlage oder Altersvorsorge in den jetzt luftleeren Fonds angelegt wurde, wird sich langfristig durch die großzügigen Staats-Gesten wieder erholen (Risiko-Anlagen ausgenommen, aber dazu fällt mir ohnehin nur “selber schuld” ein). Während also die erste, die leise Krise die kleinen und gesellschaftlich Schwachen trifft, wird die zweite, die große Luftblasenkrise vor allem… ja genau, die kleinen und gesellschaftlich Schwachen treffen. Was für eine Überraschung.

Wie weit die papierenen Millionenverluste sich auf die reale Wirtschaft auswirken, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob das konsumierende Volk weiter konsumiert - oder sich angesichts der knallbunten Panikmeldungen auf seinen neu gestrickten Sparstrumpf setzt. Hierzulande mache ich mir da keine Sorgen. Es wird schon irgendwie gehen. Ist ja noch immer irgendwie gegangen.

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Zum Tod von Jörg Haider

11. Oktober 2008, 16:14 - Politisch

Es ist so: Seit mir Samstag Vormittag die Nachricht auf orf.at vierkadrig ins Gesicht geknallt ist, denke ich mir, ich sollte auch etwas schreiben. Jedesmal, wenn ich aber dann einen Beitrag anfange, schreibe ich zögerlich ein paar Sätze und lass es dann wieder, weil, es ist ja eh schon alles gesagt, geschrieben, von allen Seiten, und außerdem, wozu auch? Am ehesten könnte man es noch beeindruckend finden, dass alle, auch die politisch weitest entfernten Gegner, ganz plakativ unpolitisch reagieren. Andererseits, Tragik, welche verdammte Tragik? Nachts mit 140 km/h durch ein Ortsgebiet, das ist keine Tragik, das ist Kamikaze. Um nicht zu sagen: Dummheit.

Es war, und angesichts der Tatsache, dass “Breaking News” längst vorbei ist, erlaube ich mir, gleich auf die Metaebene zu wechseln, es war keine der üblichen Reaktionen, die ich mit den Todesnachrichten mehr oder weniger bekannter Personen verbinde (die je nachdem von “ojeoje” bis “na endlich” reichen können), als ich die Nachricht zum ersten Mal gesehen habe. Es war ein zutiefst verblüfftes “Häh?”, das mir stattdessen entfuhr, gepaart mit einem reflexartigen Druck auf die Reload-Taste des Browsers. Es blieb aber dabei. Noch während ich die Geschichte überflog, die den Unfall und die Folgen etwas graphischer schilderte, als ich es eigentlich wissen wollte, verstand ich, dass Haider für mich längst die Ebene der einzelnen Person verlassen hatte und zum politischen Symbol geworden war, zum Symbol für alles, was es zu bekämpfen gilt, rechts von der Mitte. Und Symbole sterben nun Mal nicht.

Jetzt ist er aber tot. Ich griff zum Telefon, um meine Verblüffung zu teilen, holte mir aber nur ein lakonisches “Na, traurig mocht mi des jetzt ned.” - Von Trauer konnte ich in mir auch nichts wahrnehmen, aber irgendetwas war da doch. Ich versuchte, es zu fassen, kam aber nur auf ein schwaches “Naja, es verändert aber deutlich die Landschaft” (die politische; von Autowracks wollte ich nicht unbedingt reden). “Werden wir ja sehen.”; der Sufi war deutlich anderweitig beschäftigt. Und ich mit meiner Verblüffung allein. Jörg Haider, wer war das überhaupt?

Es ist 22 Jahre her, da stand ich auf dem Grazer Hauptplatz und verteilte Werbematerial einer winzigkleinen, unbedeutenden, linksgrünen Gruppierung. Wir hatten uns die FPÖ-Kundgebung als geeignetes Pflaster ausgesucht, um potentielle Rechts-Wähler auf die andere, die richtige Seite zu ziehen. Wir, das waren ein paar spätgeborene Hippies, die sich - mit knapp 20 passiert das leicht - für den Nabel der Welt und den Schlüssel zur Lösung aller Probleme hielten. Wir hatten uns extra bunt und fein gemacht, die langhaarigen Jungs wie die schwarzäugig geschminkten Mädels, um zu zeigen, dass Farben doch viel interessanter sind als grau. Wir ernteten auch viele anerkennende Blicke, im Vorfeld der Kundgebung, naja, die Mädels mehr als die Jungs. Es war im Grunde ganz gemütlich, vor allem gab’s Freibier, was wir lustig fanden: FPÖ-Freibier für politische Gegner. Ein “Wos redt der für an Bledsinn” angesichts eines Vorredners hielt ich für ein gutes Zeichen, um einem potentiell Bekehrenswilligen unsere Pospekte samt unserer Weltsicht aufs Aug zu drücken. “Na du redst aber a an Bledsinn” war alles, was ich erreichte.

Es ist lange her, und viele Details sind auch der Chronistin verloren gegangen. Ich weiß noch, es war dunkel, aber ich weiß nicht mehr, ob Tageszeit- oder Wetterbedingt. Ich hatte mir mein Freibierglas grade zum zweiten Mal füllen lassen, als die Stimmung irgendwie kippte. Da vorne redete jetzt ein anderer, und Beifall brandete auf. Die Menschen rückten irgendwie dichter zusammen. Es war Jörg Haider, der redete, und es war die Rede von arbeitsscheuen Subjekten, die man in Österreich nicht haben will, es war die Rede von “den Linken”, die die alten Werte von Arbeit und Fleiß nicht mehr zu schätzen wissen, wie gesagt, ich weiß es nicht mehr im Detail, aber was ich weiß, ist, dass jeder Satz die Welt, wie ich sie haben wollte, verteufelte, und dass eine Masse an Leuten, die eben noch interessiert bis belustigt auf unsere Gegenaktion geschaut hatten, jetzt ziemlich feindlich auf mich schauten.

Ich weiß auch nicht mehr, wie lange die Geschichte dauerte; für mich eine halbe Ewigkeit, bis ich mich aus der Masse heraus zum Eck der Sporgasse gekämpft hatte, wo ich mit meinen Freunden recht fassungslos den Rest der Veranstaltung verfolgte, die Intonation, den Beifall, “die Masse” an sich. Ich hatte damals gerade angefangen, Geschichte zu studieren, Interessensschwerpunkt klar das Dritte Reich, und einiges, was ich in dem Moment erlebte, kam mir einigermaßen bekannt vor. Es war so klar und durchsichtig einerseits, und auf der anderen Seite offenbar doch mitreißend für eine Masse, die es meiner (damaligen wie heutigen) Meinung nach eigentlich besser wissen sollte. Da war, und das trifft jetzt glaube ich den Kern, da war etwas, dem man Macht zutraute, unabhängig davon, ob man diese jetzt in der Form wollte oder nicht.

Und das Gefühl dieses Abends hat mich, Zeit hin, Reife her, nie ganz verlassen. Jörg Haider konnte sich noch so lächerlich machen (und auch das konnte er gut), er konnte noch so staatstragend auftreten - das Gefühl der lauernden Gefahr verließ mich nicht.

“Da Jörg sagt halt, was die Leut denken” musste ich auch in meinem direkten Umfeld öfter hören, als ich wollte. Was er tatsächlich getan hat, war, komplexen Problemen einfache Namen zu geben: Einer hat seinen Job verloren, einer hat sich über Gebühr verschuldet, einer hat ein Kind, das in der Schule nachlässt? Ganz klar: Die Sozialschmarotzer sind schuld! Die Ausländer sind schuld! Die multikulturellen Gutmenschen sind schuld! - Und es ist zutiefst menschlich, sich einfache Lösungen zu wünschen, wie: Dass alle Probleme gelöst sind, wenn nur… “Die Ausländer weg sind”, die “Sozialschmarotzer wieder arbeiten müssen”, “die Leute wieder an wahre Werte wie Heimat glauben”. Nur dummerweise funktioniert das so nicht.

Ich habe Bekannte, die ihn persönlich kannten, und die immer versichert haben, wie freundlich, nett und angenehm “der Mensch Haider” gewesen ist. Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln; im Gegenteil: Gerade das freundlich-joviale hat auch die Wähler an ihn gebunden. Ich habe aber auch schon seit einigen Wahlen versucht, zu formulieren, was mich nervös macht: “Nicht Jörg Haider ist ist das Problem, das Problem sind die Menschen, die ihn wählen”. Und die sind, daran kann nach der letzten Wahl wohl kein Zweifel bestehen, die sind immer noch sehr da.

Und deshalb kann ich auch keine richtige Freude darüber empfinden, dass der alte Jörgl jetzt wirklich weg ist. Denn seine Nachfolger sind vielleicht nicht ganz so charismatisch, dafür wahrscheinlich noch einen Touch skrupelloser. Sie sind vielleicht ein bisschen weniger intelligent, aber genau das ebnet ihnen vielleicht den Weg zu noch einfacheren Formulierungen. Und, um ganz ehrlich zu sein, es war einfach ein ziemlich gutes Gefühl, genau zu wissen, gegen wen man kämpft.

Denn Jörg Haider war, und das muss man ihm lassen, Jörg Haider war ein sehr verlässlicher Feind.

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Viva Colonia!

20. September 2008, 22:00 - Politisch

Es mag ja nun, wenn man völlig und absolut politisch korrekt denken wollte (was ich allerdings nie zu wollen behauptet habe), auch nicht ganz astrein sein - aber Meldungen wie “Taxifahrer weigern sich, rechte ‘Tagungs’teilnehmer zu transportieren” gefallen mir einfach. Und wenn ich höre, dass Fascho-Ösis mit anderen ähnlich gearteten Wesen auf einem Ausflugsdampfer festsitzen, muss ich ganz einfach kichern.

Wenn nix dazwischen kommt, schreib ich morgen noch etwas intelligentes dazu. Und kichere bis dahin munter weiter.

Free Burma

04. Oktober 2007, 22:48 - Politisch


Free Burma!

(Besser spät als gar nicht)

[HintergrundInfo]
[Vor 20 Jahren wären wir noch mit Kerzen vor der Botschaft gestanden, so ändern sich die Zeiten…]

Alles viel zu berechenbar

05. September 2007, 22:22 - Chronistisch · Politisch

Natürlich denke ich zu den vereitelten Terrorplänen in Deutschland: “No, das kommt dem Herrn Schäuble aber sehr gelegen”, nicht ohne wenigstens halb am kolportierten Bedrohungspotential zu zweifeln; natürlich denke ich sofort daran, das der Welt mitzuteilen, natürlich haben das andere längst getan.

Nullmeldung, overandout.

Österreichische Lösung

20. Juli 2007, 17:40 - Aviation · Kopfschüttler · Politisch · Fliegerei

In der Frage der Abschussgenehmigung von Zivilflugzeugen bei terroristischen Aktionen wird es in Österreich keine gesetzliche Normierung geben. Das präsentierte Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) als gemeinsame Position der Bundesregierung am Freitag nach der Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates.

“Es gibt keinen Schussbefehl, sondern nur eine Freigabe des Waffengebrauchs”, stellte der Kanzler klar. Zuständig für diese Freigabe sei bei terroristischen Aktionen der Innenminister, im Falle eines militärischen Angriffs der Verteidigungsminister. Quelle: orf.at

Die “letzte Entscheidung” über den eventuellen Abschuss von Zivilflugzeugen im Terrorfall soll also durch den Pilotendes abfangenden Militärflugzeugs getroffen werden. Das ist so jenseits, dass mir die Worte fehlen.

 

“Kinder fragen Politiker nach dem Internet”

05. Juli 2007, 19:58 - Lustisch · Politisch · Video

Link: sevenload.com

...sollte Mal jemand bei uns machen (und bei Herrn Grasser anfangen, auch wenn der ja jetzt nicht mehr…)

Prost, Frau Minister!

03. Juli 2007, 01:03 - Lustisch · Politisch

(...oder: Wie “Österreich” die Welt sieht)