Andrea Sturm

Weiberkram

Assange & die Schwedinnen (erweitert)

16. Dezember 2010, 22:53 - Chronistisch · Weiberkram

Seit Tagen - oder sind es mittlerweile Wochen? - verfolge ich die Berichterstattung um Assange und seine mutmaßlichen Straftaten, in drei Sprachen, über viele Länder hinweg, und versuche, mein tiefes Unbehagen in einen Text zu verwandeln. Der Source-File hat unübersichtliche Ausmaße angenommen, die meisten Links erkenne ich an den ersten 3 Buchstaben, und dennoch ist bislang kein gscheiter Artikel herausgekommen. Das liegt daran, dass ich das Gefühl habe, die ganze Wahrheit herausfinden zu müssen, eine Verantwortung, die in dem Chaos an Information, Gerüchten und Halbwahrheiten einfach nicht einzuhalten ist.

Als allerdings heute auch der ansonsten von mir geschätzte Michael Moore scherzen musste, dass ein geplatztes Kondom in zivilisierten Ländern ja wohl keine Vergewaltigungs-Anklage rechtfertigt, war’s mir irgendwie zuviel. Wenn (falls) die Wahrheit jemals ans Licht kommt, dann vermutlich nicht über Boulevard-Zeitungen oder selbsternannte Ritter der Gerechtigkeit, sondern vor einem Gericht, das - im Gegensatz zu allen anderen - die unverfälschten Informationen besitzt. Ich verzichte also vorläufig auf die Suche nach der Wahrheit, und möchte stattdessen aufzählen, was alles nicht wahr ist.

Nicht wahr ist, dass der Wikileaks-Frontman wegen eines geplatzten Kondoms angeklagt ist. Das ist nämlich tatsächlich kein Verbrechen, weder hier noch in Schweden noch sonstwo. Das einzige Land, wo man jemanden dafür verklagen könnte, wären eventuell die USA, und dort träfe es - wenn dann - den Kondomhersteller.

Die erste Erwähnung eines Kondoms kommt, soweit ich mich durch die Masse an Material wühlen könnte, vom Expressen. Der behauptete am 2. September, die Protokolle der ersten Einvernahme von Assange zu haben. Das ist, noch bevor wir zum Inhalt kommen, schon formal problematisch. Expressen bewegt sich nämlich, was Sorgfalt und Glaubwürdigkeit anbelangt, irgendwo zwischen Bild-Zeitung und Kronen-Zeitung. Man hat dort in der Vergangenheit tatsächlich schon geheime Protokolle veröffentlicht - aber ebenso oft auch frei erfundene. Zudem bleiben in Schweden die Details und die Namen der Opfer von (auch mutmasslichen) Sexual-Straftaten wegen Opferschutz zumindest laut Gesetz geheim.

In dem Artikel finden sich folgende Passagen:

När förhöret inleddes delgavs Assange att han var misstänkt för att ha ofredat kvinnan vid ett tillfälle i hennes bostad. Ofredandet ska ha bestått i att han haft oskyddat sex med kvinnan. Hon ska, enligt Expressens källor, anklagat Assange för att medvetet ha gjort hål på en kondom och sedan haft sex med henne.

auf Deutsch:

Am Anfang des Verhörs wurde Assange mitgeteilt, dass er verdächtigt wird, eine Frau in ihrer Wohnung belästigt zu haben. Die Belästigung soll darin bestanden haben, dass er ungeschützten Sex mit der Frau hatte. Sie soll, laut Expressens Quellen, behauptet haben, dass Assange bewusst ein Kondom beschädigt hat und anschließend Sex mit ihr hatte.

Seine Antwort, laut Expressen: “Das ist nicht wahr”.

Der Artikel erzählt weiters, dass Assange nachgefragt hätte, ob er befürchten müsse, dass die Inhalte des Verhörs an die Medien weitergegeben werden. Danach habe er sich mit seinem Anwalt beraten, wieviel von seiner Version er preisgeben müsste. Dann soll es noch um einen “bestimmten Vorfall” gegangen sein, dessen Inhalt aber “geheim bleiben müsse” (eine seltsame Formulierung, wenn man bedenkt, dass zum Zeitpunkt des Artikels eigentlich der gesamte Inhalt der Protokolle geheim war).

Aber kommen wir zum letzten Absatz.

Polisen ville också veta om kvinnan någon gång under natten avvisat hans sexuella inviter.
- Ja, ibland men inte på något sätt som var betydelsefullt. Nej, inte något som skulle vara onormalt, svarar Assange som hävdar att allt han gjort varit fullständigt “normalt”.

auf Deutsch:

Die Polizei wollte auch wissen, ob die Frau während der Nacht irgendwann seine sexuellen Avancen abgewiesen hätte.
- Ja, mehrfach, aber nicht auf eine ernstzunehmende Art und Weise. Nein, da war nichts Ungewöhnliches, antwortete Assange, der darauf besteht, dass alles, was er getan hat, völlig normal war.

Wenn (und das ist ob der Grund-Glaubwürdigkeit des Expressen durchaus ein großes “Wenn”), wenn wir also annehmen, dass dieses Protokoll echt ist, dann müssen wir auch akzeptieren, dass Assange bereits zugegeben hat, ein “Nein” nicht unbedingt ernst zu nehmen.

Aber egal, wie viel man davon glaubt oder nicht: Der Artikel im Expressen war die erste mediale Konkretisierung der Vorwürfe und damit vermutlich der Ursprung aller geplatzten Kondom-Gerüchte.


Präzisere Beschreibungen der angeblichen Vorgänge haben wir frühestens seit dem Auslieferungsantrag. Dafür mussten die Vorwürfe offengelegt werden, und viele Medien berufen sich in ihren Berichten auf eine Meldung von Reuters, in der demnach steht, der charismatische Australier habe “sein Körpergewicht eingesetzt, um die Frauen still zu halten und den Geschlechtsverkehr zu vollziehen”, er habe “die Beine der Frau auseinandergedrückt und nicht auf ihren Protest gehört”, und schließlich: “während beide nackt im Bett lagen und sie schlief, sei er ohne Vorwarnung von hinten in sie eingedrungen” - ein Vorgang, den englischsprachige Medien seither gerne als “surprise sex” bezeichnen. Fast untergegangen in den darauf folgenden bösartigen Vergewaltigungswitzen sind die vereinzelten Versuche, etwas Licht ins umstrittene Schlafzimmer zu bringen - so schreibt etwa die Washington Post:

But the controversy seems to center on the fact that both encounters started off consensually. One of his accusers was quoted by the Guardian newspaper in August as saying, “What started out as voluntary sex subsequently developed into an assault.” Whether consent was withdrawn because of the lack of a condom is unclear, but also beside the point. In Sweden, it’s a crime to continue to have sex after your partner withdraws consent.

Was in den USA nicht so ist, wie die WP weiter ausführt, um zu dem durchaus nachvollziehbaren Schluss zu gelangen:

So if you initially agree to have sex and later change your mind for whatever reason - it hurts, your partner has become violent, or you’re simply no longer in the mood - your partner can continue despite your protestations, and it won’t be considered rape. It defies common sense. Who besides a rapist would continue to have sex with an unwilling partner?

Wie wahr, wie wahr.


Nicht wahr ist auch, dass wir die Identität der Frauen kennen, die Assange angezeigt haben. Deren Identität ist wie gesagt nach schwedischem Gesetz geschützt, und auch wenn eine plausible Spurensuche vorliegt - die Erkenntnisse sind nicht bestätigt. Das ist auf mehreren Ebenen interessant, denn der wichtigere Name, der kolportiert wird, wurde erstmals auf flashback.org (absichtlich kein Link) erwähnt - und das ist ein zumindest rechtslastiges Forum (das von weniger vorsichtigen Menschen auch als rechtsextrem bezeichnet wird). Ich verzichte in dieser Sache auf weitere investigative Aufdröselung und verweise auf den englischen Artikel von Torbjörn Jerlerup.


(edit 17.12.)

Woher die Gerüchte in Richtung Eifersuchtsmotiv ursprünglich kommen, habe ich nicht herausgefunden. Dieser Artikel im (allerdings auch nicht sonderlich seriösen) Aftonbladet ist vom 21.8. - demnach hat die Redaktion ein Interview mit der einen Frau geführt, und die sagt dort folgendes:

Kvinnorna och Assange träffades under hans vistelse i Stockholm och har inte tidigare träffat vare sig honom eller varandra.
Kvinnan i 30-årsåldern uppger att hon för sin del anser sig vara utsatt för ett sexuellt övergrepp, eller ofredande, men inte en våldtäkt.
Upprinnelsen till polisanmälan kom i fredags. En annan kvinna kontaktade henne och berättade en liknande, men värre historia. Den kvinnan är mellan 20 och 30 år.

Auf Deutsch:

Die Frauen und Assange trafen sich während seines Besuchs in Stockholm und kannten vorher weder ihn noch einander. Die 30-Jährige sagt, dass sie aus ihrer Sicht einen sexuellen Übergriff oder Belästigung erlebt hat, aber keine Vergewaltigung. Eine andere Frau hat sie kontaktiert und von einem ähnlichen, aber schlimmeren Erlebnis berichtet.

Zudem erklärt sie, sie sei nicht deshalb erst später zur Polizei gegangen, weil sie Angst vor Assange gehabt hätte. Sie habe die andere Frau begleitet, als sie von deren Erfahrungen hörte, um ihren Bericht mit den eigenen Erlebnissen zu ergänzen.

(/edit)


Noch ein paar lesenswerte Links (laufend ergänzt):

Kate Harding: Some Shit I’m Sick of Hearing Regarding Rape and Assange
Time zum Thema Schweden und Sexualstraftaten an sich
Die Mädchenmannschaft über das Gerüchtechaos, mit vielen interessanten Links
Guardian - Die (mutmaßlichen) Details der Anklage
Spreeblick über die Verharmlosung von sexuellen Straftaten über Standpunkte, mit vielen interssanten Links

Eine hervorragende Antwort auf den populistisch-dümmlichen offenen Brief von Michael Moore


Von allen schlüpfrigen Geschichten mal abgesehen: Assange ist nicht Wikileaks. Wikileaks ist eine großartige neue Chance für alle, die Transparenz und Information ernst nehmen - gerade in einer Zeit, in der viele konventionelle Medien nur noch als Regierungs- und Industrie-Megaphone dienen. Assange dagegen ist ein Gesicht, das sich - je nach Quelle, die man liest - uneigennützig als Frontman zur Verfügung gestellt oder völlig sinnlos in den Vordergrund gedrängt hat. Wikileaks wird mit oder ohne Assange weitermachen - diese simple Tatsache muss selbst der hinterletzten Dumpfbacke im ungelüfteten Geheimdienstkeller klar sein. Und deshalb glaube ich in Sachen Assange ausnahmsweise nicht an die vielbeschworene CIA-Verschwörung.

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Im Fitnesscenter (jaja)

02. November 2009, 22:42 - Chronistisch · Weiberkram

Als ich heute so friedlich trabend auf dem Cross-Trainer stand, bereits am Abkühlen, Schweiß am Trocknen, hörte ich eine Stimme. “Hopp hopp hopp!” - Ich fühlte mich erst nicht angesprochen, es war voll wie immer montags, Geräusche und Gespräche aus allen Richtungen, aber der Stimmeninhaber trat von links in mein Blickfeld und übertönte jovial mein Hörbuch. “So wird das aber nix mit der Traumfigur. Schneller treten!”

Ich war erst Mal verblüfft, noch nie hat mich hier jemand angesprochen, höchstens angelächelt, und auch das nur im Frauenraum, wenn sich Blicke ungewollt und unerwartet im Spiegel trafen. Ich schaute auf das kurze, kugelrunde Männchen, dem die Stimme gehörte, versuchte, es wegzublinzeln, konnte mich aber dem auffordernden Blick nicht entziehen, ohne das Treten vorzeitig abzubrechen. Ungewöhnlicherweise fiel mir eine schlagfertige Gegenfrage ein. “Warum sollte ich mich für deine Traumfigur interessieren?” - Das erwirkte eine seltsame Mischung aus überraschtem Brauenhochziehen und gewolltem Grinsen in seinem Gesicht, aber er erholte sich schnell. “Mit Größe 46 kriegst jedenfalls keinen Mann.”

Die doppelte Fehleinschätzung schmerzte zwar, was mich nach einem Moment des Nachdenkens viel mehr schmerzte, war mein dringendes Bedürfnis, sie zu korrigieren. Anders ausgedrückt: Wäre ich nicht etwas außer Atem gewesen, hätte ich sofort erklären müssen, dass ich
a) Größe 42, nur selten obenrum 44 trage, und
b) bereits einen wunderbaren Mann habe, vielenherzlichendank.

Zum Glück für mein späteres Selbstbewusstsein fehlte die Luft zum sofortigen Widerspruch, der Moment des Sauerstoffsparens geriet zur Nachdenkphase, und ich antwortete schließlich betont lässig (aber durchaus wahrheitsgemäß): “Ich bin nicht zum Abnehmen hier, sondern für die Ausdauer.” - “Jaja”, grinste er, “wird schon” und legte einen Flyer über mein Display, auf dem ein Schlankheitsmittel beworben war, dessen Namen ich auch in meinem Email-Spam regelmäßig lese. Mit einem ekelhaft anzüglichen Zwinkern trat er den Rückzug an, offenbar um sich ein neues Opfer zu suchen.

Die restlichen 2,5min Countdown auf der Maschine waren begleitet von multiplen WTFs in meinem Kopf. WTF wie in “WTF bildet der Typ sich ein”, “WTF hat das mit mir zu tun”, und sogar “WTF mach ich eigentlich hier?”

Zumindest letzteres kann ich mir, geduscht und abgekühlt, eindeutig und zweifelsfrei beantworten: Ich will nächsten Sommer keine 3 Tage Muskelkater mehr kriegen, falls ich wieder in die Lage kommen sollte, 500 Meter rudern zu müssen (oder zu wollen). Ich will nicht mehr schweißgebadet und außer Atem sein, nur weil ich 100 Meter zur Straßenbahn sprinte. Ich will meinen Zwei-Wochen-Urlaub-Rucksack wieder nach Hause in den 4. Stock tragen können, ohne dass ich auf jeder Etage kniezitternd und schnaufend Pause mache. Das sind die drei Gründe, warum ich mich im Fitnessstudio angemeldet habe (na schön, wenn sich dabei das eine oder andere Kilo verabschiedet oder in ansehnlichere Regionen verschiebt, hätte ich nichts dagegen, aber Abnehmen allein wär keine Motivation), und entgegen meinen Erwartungen läuft es bisher ziemlich gut. Mein Körper nimmt die tägliche Bewegung überrascht, aber wohlwollend zur Kenntnis, und obwohl der Entschluss (und der Vertrag) noch kein ganzes Monat alt ist, fehlt mir etwas, wenn der grausame Arbeitsalltag mir diese körperlichen 90 Minuten verwehrt. Aber die innere Erfahrung der neuen Körperlichkeit wär eigentlich Stoff für einen ganz eigenen Eintrag.

Zum Glück für mich und das Fitnesstudio war die Tante an der Rezeption sofort ganz Ohr, als ich ihr von dem unverschämten Eindringling erzählte. “Was, der hat doch längst Hausverbot!” schimpfte sie und griff nach dem Telefon, um die Security auf den Giftzwerg anzusetzen. Gut so; jede andere Reaktion hätte mich wahrscheinlich für immer vertrieben.

Zum Nachdenken blieb trotzdem reichlich Stoff, zB:

Warum, wie, und aus welcher seltsamen Geisteshaltung heraus fällt es einem wildfremden Menschen ein, ein Urteil über meinen Körper abzugeben? - Seine Motivation ist klar, er will sein Mittelchen verkaufen. Warum aber glaubt er, selbst mit einer Rundlichkeit weit jenseits der Norm ausgestattet, mir (oder jeder anderen Frau jenseits von Größe 36) mit zwei, drei unverschämten Sätzen einen Bedarf nach einem künstlichen und vermutlich gesundheitsschädlichen Schlankmacher vermitteln zu können? Warum (und das ist jetzt ein bewusst naives Warum) glaubt er, voraussetzen zu können, dass ich an einem angeblichen Normkörper interessiert sein könnte?

- - -

Auf einer anderen Ebene ähnlich meine Erfahrung mit Chello, die mir seit Monaten einen Umstieg auf Digital-TV schmackhaft machen wollen. Das aktuelle Angebot ist unverschämt günstig, also rief ich die angegebene Nummer an, um “ja” zu sagen. Den angebotenen Techniker (kostenpflichtig) lehnte ich ab und entschied mich für die zugeschickte Selbstinstallations-Variante. Antwort in der Auftragsannahme: “Na, haben Sie wenigstens einen Freund, der Ihnen beim Installieren helfen kann?”

Es ist übrigens, das sei auch einmal ganz deutlich angemerkt, ein durch und durch schönes Gefühl, einen Sufi zu “haben”, der zum Bericht des Telefonats herzlichst lacht und anmerkt: “Du hättest sagen sollen, ‘wenn ich ihm genau sage, was er wo anstecken soll, dann wird es schon klappen’.” Herzerfrischend, aber gesellschaftlich leider wenig relevant.

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Öffentliches Ärgernis!?!

19. Oktober 2006, 00:02 - Weiberkram

Ich würde das da eher Kunst nennen. Und die ist bekanntlich frei. Nieder mit der katholisch-bigotten Pseudomoral! (Und wie ihr alle ohnehin wisst, bin ich nicht nur weiblich, sondern auch reichlich efrauzipiert.)

Frauen im Jemen

11. Januar 2006, 20:44 - Schnell gelinkt · Weiberkram

Die Zeit: Frauenwelt im Männerland

Mädchen, Frauen oder gar - Damen?

18. Juni 2005, 14:23 - Weiberkram

Schluss mit Süss! heisst der Artikel im SZ-Magazin, der sich über den bis in die hohen 30er anhaltenden Kindlichkeitswahn von bestimmten Frauen beschäftigt. Sicher, auch ich schaue bei Teddybärchen am Rucksack oder bunten Glitzerarmbändern ab einem gewissen Alter des Gegenübers entnervt weg, und so wollte ich gleich in den Zustimmungschor (Kaltmamsell und Melody - mit sehr schöner Illustrationsgeschichte)  einfallen. Dummerweise habe ich dann den vorher nur überflogenen Artikel nochmal genau gelesen. Schon die Einleitung geht gut ab.

Liebe Frauen über 25: Wollt ihr sein wie Grace Kelly oder wie das ewige Girlie? Also zieht euch anständig an, verdreht nicht die Kulleraugen und werdet endlich erwachsen. Das Mädchengetue nervt.
von Fred Grimm, Illustrationen: Dirk Schmidt

Na gut, wir wissen alle, dass man mit dem ersten Satz die Aufmerksamkeit der LeserInnen fesseln muss, der darf nach den Regeln des Journalismus schon mal etwas plakativer sein, damit man am Rest überhaupt erst interessiert wird.

Trotzdem muss ich, als Vertreterin der angesprochenen Altersgruppe “zwischen 25 und 40” (danach fällt man offenbar übergangslos ins Koma) auf die erste Frage antworten: Lieber Fred Grimm, um ganz ehrlich zu sein: Weder Grace Kelly noch das ewige Girlie sind als Role-Model sonderlich attraktiv für mich. Und was bitteschön heißt “zieht euch ordentlich an”? “Ordentlich” angezogen ist man immer nur situationsadequat.  Oder darf ab 25 der Bauch nicht mehr rausschauen? Warum? (ob der Bauch überhaupt jemals rausschauen sollte, ist ein ganz anderes Thema.) Sollte die Farbwahl ab der genannten Altersgrenze ausschließlich in Pastell- und Beige-Tönen erfolgen? Steigt die angemessene Rock-Länge zentimeterweise mit den Jahren? Oder was?

“verdreht nicht die Kulleraugen” - sorry, je länger ich an diesem Artikel lese, desto mehr verdrehe ich meine (allerdings nicht Kuller-)Augen:

[in irgendwelchen alten Filmen] spielen Lauren Bacall, damals 22, oder Ava Gardner, 24, aufregende Fabelwesen, die es heute im Kino kaum noch gibt: geheimnisvolle, intelligente, gänzlich unhysterische junge Frauen, die niemand »Mädchen« nennen würde.
[...]Heute stapfen Moppeltrottel wie Bridget Jones auf der Jagd nach dem Mann fürs Leben über die Leinwand. Trotzblöde, in Frauenkörper katapultierte Kleinkinder, die andauernd stolpern und stottern und viel zu enge Pullover tragen.

Vielleicht liegt es ja an meinem desillusionierten Weltbild, vielleicht auch an der demaskierenden Verwendung des Wortes “Fabelwesen”, aber plötzlich sehe ich vor meinem inneren Auge einen Mann im kritischen Männeralter zwischen 35 und 45 (keine Ahnung, wie alt Herr Grimm tatsächlich ist), der weinerlich raunzt: “Ich hab genug von den ganzen Girlie-Moppeltrotteln auf meiner Bettkante - ich will jetzt endlich meine geheimnisvolle intelligente unhysterische Frau fürs Leben haben!”

“Das Mädchengetue nervt.” Ja, mich auch. Aber es ist, genau wie die “geheimisvolle”, dabei aber unbedingt “unhysterische” Frauengestalt, nichts als ein Versuch, männliche Projektionen zu erfüllen. Frauen, “echte Frauen”, sind weder rotzige Girlies noch elegante Fürstinnen. Die sind was sie sind. (Ähnliches gilt, natürlich, für den Unterschied zwischen Männer-Stereotypen und Männern.)

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“Die Frauen gehören in die Kuchl, sollen die Kinder erziehen und aus.”

25. Januar 2005, 13:55 - Politisch · Weiberkram

Obiger Satz stammt weder aus einem Kabarett noch aus einer Sammlung historischen Unsinns - er stammt aus einem Interview, das der Ehegatte unserer neuen Innenministerin (oder heißt das: Frau Innenminister?) dem Falter gegeben hat. Vor allem sprachlich schön ist die Reaktion des Ministeriums: “Gunnar Prokop ist der Ehemann der Ministerin, nicht ihre Meinung”. (ORF-Ticker)

Das mag wohl stimmen - aber einen Träger solcher Meinung zu heiraten sagt ja auch was aus.

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“Wann erreiche ich denn ihren Mann?”

14. Dezember 2004, 11:52 - Kopfschüttler · Weiberkram

Wenn ich solche Geschichten lese, bedauere ich sehr, dass ich beim Kauf meines neues Schnurlostelefons nicht auf eine integrierte Fern-Leitungs-Selbstschussanlage geachtet habe. Das wär doch einmal ein Feature. (Via Notizblog, wo man die Sache pragmatisch betrachtet. Es stimmt ja, ärgern hat keinen Sinn. Aber man tut’s ja trotzdem immer wieder, irgendwie.)

Ich weiß nicht, ich weiß nicht…

12. November 2004, 23:32 - TechLife · Weiberkram

Wie «Manns» kann eine Frau sein und trotzdem als Frau geliebt werden? Wie viel Stärke und Selbstbewusstsein, wie viel Klugheit sowie Witz kann der Mann in einer Frau ertragen, ohne dass er sie fliehen muss? Wenn Freund Dietmar Recht hat, dass, «wenn der Schwanz steht, der Verstand schweigt», gilt dann das Gegenteil erst recht? Wenn eine Frau den Verstand eines Mannes zu reizen versteht, bringt das seinen Schwanz zum Erliegen? Längst bin ich versucht, es zu glauben. [...Weltwoche, via malorama]

Auch ich habe schon früh die Mädchenkleider liegen lassen und mir bei diversen Unternehmungen die Knie unter den Jeans blutig geschlagen. Ich habe mit fünf Jahren darauf bestanden, mir die langen Haare abzuschneiden, weil das doch beim Schwimmen viel praktischer ist. In der Volksschule habe ich einen der schlimmsten Großmäuler niedergerungen, weil er der Klasse verkündet hatte, was “Weiber” alles nicht können (die Handarbeitslehrerin stand übrigens kichernd in der Tür und meinte erst nach Minuten, als ich mein Knie endlich fest auf seiner Schulter hatte und ihm gleichzeitig den anderen Arm schmerzhaft verdrehte, dass es jetzt langsam genug wäre). Ich versteh zwar nichts vom Schreinern, aber der Großteil meiner männlichen Bekanntschaft hat keine Probleme, mich um Rat zu fragen, wenn es darum geht, eine TV- oder Stereoanlage zu verkabeln oder in die tieferen Schichten der Computerkonfiguration vorzudringen. Cowgirl war ich auch nie, aber sobald mir jemand zu irgendeinem Ort erklärte, dort könne eine Frau nicht alleine hingehen, war ich schon auf dem Weg.

Als es Zeit war, sich um die erste Beziehung zu kümmern, war ich nie mit den anderen Mädels auf dem Häusl, um Makeup und Lippenstift zu tauschen. Ich stand stattdessen mit den Jungs an der Bar und übte Rauchringe blasen und Schnaps trinken. Zwar ließ ich mich manchmal hinreißen, mich zu Hause vorbereitend anzumalen (einmal hatte ich - ohmeingott - sogar eine Dauerwelle!), aber sobald man wirklich unterwegs war, ging’s um andere Dinge. Wichtige Dinge, wie Musik, Autos oder Philosophie. Ich habe auch nie mehr als einmal darüber nachgedacht, jemanden auf ein Date oder mehr anzusprechen, wenn er mir gefiel.

Und niemals, zu keiner Zeit, war irgendetwas davon ein Problem in meinen Beziehungen, in den langen nicht, in den kurzen nicht, und in den ganz kurzen schon gar nicht. Nicht, dass ich in meinen Beziehungen keine Probleme gehabt hätte, aber solche Probleme hatte ich nie. Nie war ich einem Mann zu selbständig, nie zu gescheit, nie habe ich zu viel verdient und nie war ich zu stark: Ausgesprochen nicht und unterschwellig auch nicht (außer vielleicht ein einziges Mal, da bin ich nicht ganz sicher, aber das hätte aus ganz anderen Gründen ohnehin nicht geklappt). Niemals fand es einer meiner Männer komisch, dass ich manchmal kuscheln will, obwohl ich meine Probleme durchaus selbst lösen kann.

Ich weiß auch nicht. Entweder habe ich mir instinktiv immer gleich die richtigen ausgesucht, die, deren Selbstbewusstsein auch so eine Frau aushält (und ich hab sie mir alle, bis auf einen vielleicht - kuckuck! - selbst ausgesucht) - oder ich hatte einfach nur Glück - oder manche Probleme sind wirklich self-fulfilling prophecies.

Immer wieder allerdings - aber das ist ja eigentlich ein ganz anderes Thema - hatte ich ein Problem mit Frauen, denen meine Verhaltensweise ganz und gar nicht geheuer war. Mit Freundinnen, denen es gar nicht recht war, wenn ich die ausgefallene Glühbirne in ihrem Wohnzimmer wechselte - das wäre doch ein Grund gewesen, das bislang nichtsahnende Herzblatt anzurufen (was mir dann, Jahre später, unter Kichern und Zagen “gestanden” wurde - himmelnochmal, hättest du doch gleich sagen können, ich hätte die Birne auch wieder rausgedreht!). Mit Mädels, die mich nach einem interessanten Gespräch mit einem Typen beiseitenahmen und augenzwinkernd meinten, da hätte ich ja einen schönen Fang gemacht - und weiß ich eigentlich, dass er eine Freundin hat? - und um nichts in der Welt davon zu überzeugen waren, dass ich ebengerade ein spannendes Gespräch über Videoschnittsoftware geführt hatte: und nichts weiter.

Manche Dinge wären bestimmt viel weniger Problem, wenn man sie unproblematisch betrachten würde. Und das gilt für beide Seiten.

[Edit][PS] Natürlich habe ich auch genug Männer erlebt, die so ihre Probleme mit selbständigen Frauen hatten. Angefangen vom Mediamarkt-Verkäufer, der mir kein 3-poliges Cinch-Kabel für die Videoanlage verkaufen wollte, weil “alle modernen Geräte mit Scart besser funktionieren” bis zu meinem wiederkehrenden Trauma an der PC-Hotline, als Anrufer immer wieder nach “dem Techniker” verlangten, ohne mich auch nur zu Wort kommen zu lassen. Aber hej, solche Typen hätte ich weder beziehungsmäßig noch sexuell jemals in Betracht gezogen. Vielleicht liegt mein “Glück” ja an der selektiven Vorauswahl?

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Das ist jetzt aber ein Scherz, oder?

21. September 2004, 22:33 - Politisch · Weiberkram

Oder nicht? Laut diesem Artikel (schwedisch) müssen die weiblichen Angestellten von Lidl (der jetzt nach Osteuropa offenbar auch Skandinavien erobern will) in Tschechien und Polen während ihrer Periode ein rotes Stirnband tragen. Dieses Stirnband soll, so der Artikel, keineswegs der negativen Diskrimination dienen, sondern es den so gekennzeichneten Angestellten erlauben, auch außerhalb der gesetzlich festgelegten Pausen die Toiletten aufzusuchen, was sonst allerstrengstens verboten ist. (via Steffanie)

Ähem. Nun ist die berichtende Zeitung Kvällsposten nicht gerade für ihre seriöse Berichterstattung bekannt. Man könnte sie eher als nordische Verwandte der Bild-Zeitung bezeichnen. Jedenfalls berufen sie sich auf UNI Commerce als Quelle - eine mir bislang unbekannte Webseite der “global trade union for commercial workers”. UNI Commerce wiederum beruft sich auf die Quelle Lebensmittelzeitung, deren Archiv-Artikel allerdings nur für Abonnenten zugänglich sind. Kann das irgendjemand verifizieren oder - noch besser - falsifizieren?

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Psycho-Dingsda

07. Juli 2004, 14:54 - InterNett · Bloggig · Watching TV · Weiberkram

Ally McBeal ist das hintervorletzte, finde ich. Einen der Gründe hat miss.understood hier schön ausgeführt, was Jeremin zu einem Rundumschlag gegen Psychotherapeuten und “neurotische Weiber” veranlasst hat. Das kommt wiederum bei Melody nicht so gut an.

Ich denke, die Standpunkte laufen aneinander vorbei. Was bei Jeremin primär am Pranger steht, ist die “Neurose als Pose”, die offenbar alle paar Jahre aufblüht und gelangweilte Menschen in Dauertherapien ohne sichtbaren Erfolg (bzw mit sichtbarem Misserfolg) führen. Diese Menschen sind tatsächlich vorwiegend Frauen; obwohl ich auch einen männlichen Vertreter der Spezies kenne.

ModeneurotikerInnen gehen nicht zur Therapie, um Lebensqualität (für sich selbst und ihre Umwelt) zu verbessern, sondern um sich einen interessanten Defekt mit klingendem Namen für Cocktailparties, Stammtisch oder Kaffekränzchen zuzulegen. Sie sagen dann Sätze wie: “Ich kann es nicht ertragen, von meinem Partner getrennt sein, weil ich als kleines Kind in diesem Einkaufszentrum meine Mutter verloren habe. Verlustangst, eben.” Sie begreifen ihre Therapie nicht als Chance zur Veränderung, sondern als Ausredenbeschaffer. Grausam ist dann der Partner, der, obwohl er es “doch weiß”, trotzdem abends einmal mit seinen Freunden weggehen will. Oder die Partnerin, mit ihren Freundinnen.

Es sind die Leute, die bei etwas anderen Vorbedingungen alle Missgeschicke im Leben auf ihr Horoskop oder ihre Chakren oder auf das Fahrrad in China schieben würden, das leider zum falschen Zeitpunkt umgefallen ist.

Gegen die Psychotherapie an sich sprechen diese Beispiele folgerichtig nicht; sie sprechen viel mehr gegen eine (Medien-)Gesellschaft, in der das permanente Scheitern an der eigenen Unzulänglichkeit deutlich höheres Interesse hervorruft als deren Überwindung.

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