Andrea Sturm

Wien

Einsamkeit

21. April 2001, 15:35 - Geschreibsel · Wien

Vor zwei Wochen beim Billa: Eine alte Dame, um die 80 vermutlich, elegant gekleidet, dezent geschminkt. Kein Einkaufswagen, nur eine hellbraune Lederhandtasche, die sie in beiden Händen hält. Vor den Bierregalen stehen die Leute schon in der Kassenschlange.



Die alte Dame geht eine Zeitlang unschlüssig vor den Bierregalen auf und ab. Dann wendet sie sich an einen der Wartenden und fragt, welches Bier denn gut sei. Sie braucht nämlich eine Flasche Bier, weil der Sohn einer Freundin aus Deutschland heute bei ihr übernachtet.



Nicht zu bitter soll es sein, aber auch nicht zu süß. Und österreichisches Bier soll es sein, deutsches kann er schließlich zu Hause trinken.



Unter den Wartenden entsteht eine lebhafte Diskussion über die Vorzüge und Nachteile sämtlicher beim Billa verfügbaren Biersorten. Und das sind eine ganze Menge. Die alte Dame nimmt mit zufriedenem Lächeln daran Teil, nicht ohne die eine oder andere Geschichte über die Freundin in Deutschland und deren Sohn einzustreuen.



Schließlich geht sie, ohne etwas gekauft zu haben, mit dem Argument, sie wolle doch lieber ihre Freundin in Deutschland anrufen und fragen, was der Bub denn gerne trinkt.



Heute, beim selben Billa: Dieselbe alte Dame. Diesmal bin ich dran.



Stehe leicht gedankenverloren vor dem Kafferegal, da spricht sie mich an. Ob der Nescafe Cappuccino denn gut sei. Sie fährt nämlich morgen zu Verwandten in die Steiermark, sehr liebe Leute, aber Kaffee kochen können sie nicht. Ich beantworte ihre Fragen, so gut ich kann. Ob man diesen kaffee auch mit Schlagobers trinken kann. Wieviel man denn braucht für eine Tasse.



Derweil erfahre ich ganz nebenbei, was die Verwandten für einen schönen Bauernhof haben. Und wie sich der Hund freut, wenn sie kommt, weil sie ihm immer heimlich Schokolade mitbringt.



Schließlich entscheidet sie sich dafür, keinen Kaffee zu kaufen. Sie kann ja auch Tee trinken, meint sie. Schließlich will sie die lieben Verwandten nicht beleidigen. Und geht, ohne auch nur irgendwas gekauft zu haben, mit ihrer Tasche in beiden Händen Richtung Ausgang. 50 Meter weiter liegt das städtische Altersheim.



Vielleicht hätte ich sie ja einladen sollen, auf einen Kaffee. Aber so etwas tue ich irgendwie nie. So etwas denke ich nur. Dabei wäre sie ganz sicher mit Begeisterung in den vierten Stock gestapft und hätte noch eine ganze Menge Geschichten über ihre steirischen Verwandten erzählt, die in ihrem Kopf gleich neben der Freundin in Deutschland wohnen.



Stattdessen werde ich mich in Zukunft, wenn ich morgens an der Busstation gegenüber dem Altersheim warte, fragen, hinter welchem Fenster die alte Dame denn jetzt sitzt und an den Geschichten feilt, die ihr nächsten Samstag beim Billa ein bisschen Kommunikation mit der Außenwelt bringen sollen.

Der Trafikant, und: Der Tango

10. April 2001, 12:24 - Geschreibsel · Wien · Still leben im Grätzl

Die Trafik (für Nordösterreicher: Der Tabakladen), in der ich morgens meistens die Ration Tschik (für Nordösterreicher: Glimmstengel) für den Tag erstehe, ist kürzlich verkauft worden. Der neue Trafikant arbeitet mit freundlicher, bewußter Langsamkeit.



In die Hektik des Morgengeschäfts läßt er sich nicht hineinpressen. Für jeden Kunden, jede Kundin hat er alle Zeit der Welt. Diskutiert ausführlich über die Vorzüge und Nachteile dieser oder jener Computer-, Sport- oder Frauenzeitschrift. Fragt, warum man denn diese Marke rauche und nicht eine andere.



Wartet auch nachher, bis Kunde oder Kundin alle Einkäufe und die Geldtasche sicher verstaut hat, ohne derweil schon über die Schultern des ersten den zweiten oder gar dritten zu bedienen. Stattdessen fragt er noch nach dem Wohlergehen im allgemeinen und dem Tagesbefinden im Besonderen.



Und erst wenn der oder die gut Bediente schon die Tür in der Hand hat, um das Geschäft zu verlassen, wendet er sich dem nächsten zu, mit einem freundlichen Gruß und einer wohlformulierten Frage nach den Wünschen.



Einige irritiert das. Mich macht es täglich irgendwie seltsam froh.


 


Kein Gedicht, aber…



An irgendeinem Strand tanzt das Leben einen Tango mit dem Tod. Unter dem Kristallfunkeln der Sterne tanzen sie zum Orchester der Wellen. Das Leben: in einem langen roten Kleid, der Tod: würdevoll in schwarzen Lumpen. Sie tanzen ernsthaft, konzentriert, sie tanzen mit einem Lächeln in den Augenwinkeln.



Mit der unbändigen Flamme des Lebens tanzen wir, mit der dunklen Ahnung des Todes in unseren Genen tanzen wir, immer und immer wieder: Zur Musik der Welt.



Und wenn du gerade keine Lust hast zu tanzen, Zirbella, dann setzen wir uns auf einen Stein, die Wüste im Rücken, das Meer im Blick, und wir nehmen einen Schluck aus der Rotweinflasche und schweigen so lange, bis wir reden mögen, und zum Schluss, da bin ich ganz sicher, tanzen auch wir einen Tango mit dem Leben. Und mit dem Tod. Und die ganzen kleinen dummen Alltags-Ärgernisse sind dann nur mehr Sand unter unseren Tangoschuhen.


 


Ich auch! - aber wenn ich nicht hier bin, bin ich aufm Sonnendeck...


 


“Your eyes show as many deep and full shades of blue as a healing bruise upon an injured forelimb.” - The Surrealistic Compliment Generator (Link via Rymdimperiet)

 

Impression aus der Wiener Schnellbahn

19. März 2001, 15:48 - Chronistisch · Wien

Auf dem Bahnhof setzt sich ein Typ mit langen Haaren, ansonsten unauffällig, auf eine Bank und beginnt, Mundharmonika zu spielen. Er beginnt mit “Oh when the saints…”, danach fließender Übergang zu “Blowing in the Wind”.



Wenig später kommt ein Bahnangestellter, leicht zu erkennen an Uniform und Funkgerät, und fragt mit der geballten Autorität seines Amtes: “Ham’s a Genehmigung?”



Der Angesprochene setzt die Mundharmonika ab und fragt erstaunt: “Brauch ich eine?” - Der Uniformierte: “Ja.” Der Mann zuckt die Schultern und steckt die Harmonika ein.



Hinter mir zwei alte Damen. Die eine: “Furchtbar, diese Sandler sind auch überall.” - Die andere darauf: “Ach geh, warum, er hat doch schön g’spielt.” Ich, mich umdrehend: “Wieso Sandler?” Die Damen mustern mich von oben bis unten und treten dann ohne Antwort ein paar Schritte zurück. Ach ja richtig, ich habe ja rote Strähnen im Haar…

Ob

13. März 2001, 08:53 - Wien · Still leben im Grätzl

Das wars dann wieder mit dem Frühling. Fürs erste. Vom Himmel fällt Wasser, und ich bin müde. Die Ehestreits der Nachbarn werden heftiger. Um halb drei Uhr früh weckt mich das Getöse zerschellenden Geschirrs. Auf meiner Seite der Wand rieselt der Putz herunter. Langsam sollte ich mich wirklich nach einer ruhigeren Wohngegend umsehen.



Ob dieser Tag noch zu einem Besseren wird?

Hintertür

08. Januar 2001, 22:59 - Geschreibsel · Kurzprosa · Wien

Man sollte Städte immer wieder einmal durch die Hintertür betreten. Nachts. Diese leeren Fabrikshöfe im zögerlichen Neonlicht. Die Lastwagenzüge, abgestellt um be- oder entladen zu werden. Bahnanlagen, Bahnhöfe, dunkel, verlassen. Unterführungen und Autobahnbrücken. Dazwischen karge, ungepflegte Grünflächen. Später dunkle Häuser, kleine Geschäfte, die sich nahezu verstecken vor der Welt. Hier leuchtet nichts. Hier protzt nichts. Hier herrscht die Romantik der Illusionslosen. So liebe ich die Stadt.



Aus dem schmucken südwienerischen Mauer kommend, sitze ich in einem Bus. Der Bus ist leer bis auf mich und den Fahrer. In den nassen Strassen spiegelt sich die Strassenbeleuchtung, während die Regentropfen an den Fenstern herunterrinnen. Anstatt in die U-Bahn umzusteigen, bleibe ich sitzen und fahre mit Erstaunen durch die Fremdheit meiner altbekannten Stadt. Wäre es nicht so spät und nicht so kalt, würde ich aussteigen und auf eine jener Entdeckungsreisen gehen, die mir so lieb waren, als ich noch frei mit meiner Zeit umgehen konnte.



Wo keine Menschen sind, gibt es auch nichts zu fürchten.