Andrea Sturm

Buch und Literatur

Samstagslesungen (livegebloggt)

30. Juni 2007, 09:07 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2007

Jan Böttcher: Freundwärts
Einer fährt über die Elbe, nachts. Dort wartet ein kranker, zu pflegender Großvater und ein Familienkonflikt. Schade eigentlich. Die feine Schwebe der ersten Absätze hätte ruhig ohne Defi und Mullbinden weitergehen können. Zum Glück bleiben uns die Krankheitsdetails weitgehend erspart, stattdessen ein düsteres Kaleidoskop aus dem Grenzland. Gefällt mir. Könnte ruhig noch weitergehen.
Diskussion
Nüchtern ist beeindruckt und berührt. “Eine sanftmütige Hommage an drei sture Hunde.” Corino bringt den ersten Publikumslacher hervor, habe überhört womit. März sieht sehr müde aus, bringt aber trotzdem (deshalb?) eine “metaphorische Überfahrt” zustande. Rakusa wirkt ungewöhnlich munter und sieht “alles eingelöst, was man einlösen kann”. Bezweifle, dass das überhaupt möglich ist, aber bitte. Radisch spielt Corino und korrigiert die geographische Beschreibung. Mangold stottert. Frühstück muss her.

Björn Kern: Eine halbe Stunde noch
Sieht am Foto besser aus als im TV. Bob Dylan im Videoportrait. Thx. Ein junger Mann im Kopf einer alten Frau. “Arbeitet in einer Psychiatrie in südfrankreich” - War ja irgendwie klar. Aber durchaus gelungen. Hört ihr mein Schulterzucken? Immerhin, sprachlich bunt. - Ah, Perspektivenwechsel. Jetzt denkt der Pfleger. Ein bisschen grausam. Die Namen! Bruno. Elsa Lindström. Hm. - - - Der erste Text in diesem Jahr, der etwas mit der Sprache versucht. Beeindruckend. Hörempfehlung.
Diskussion
März beginnt textlos sozialanalytisch. Der Text gefällt ihr gar nicht, wegen der Falschheit der Perspektive. Herrjeh, redet sie viel Unsinn. Der Autor wehrt sich. Ungewöhnlich. Ebel stört es, dass er nie weiß, wo er ist. Strigl findet die “Spreche so inkosistent wie die Gedächtnisleistung der Figur. Das ist doch genau der Punkt, verdammt. Heiz fragt sich, wie die männlichen Autoren zu ihren Themen kommen, und zitiert aus einem Text, um den es gar nicht geht. Er vermutet “Angst vor der Lust am Schreiben”, die durch metaphysische Inhalte kompensiert werden muss. Gnaaaa. Radisch findet das Sterben peinlich misslungen, und stellt wie März die völlig falschen Fragen. Nüchtern bremst, aber in die falsche Richtung. Endlich wieder Mal ein Moment, in dem ich einen Text großartig und die Jury absolut untragbar finde. Ich fühle mich um Jahre verjüngt. Corino (der eingeladen hat) fängt dummerweise auch mit der Erfahrung des Autors an (die völlig irrelevant ist), findet, dass “Kern ein großes Experiment unternommen hat, auch wenn es nicht überall gelungen ist.” Szenenapplaus. Naja. Ich hätte erwartet, dass er “seinen” Autor etwas intelligenter verteidigt.  Schade. Radisch fetzt sich mit Corino, entzündet an einem Nebensatz über Peter Licht. Klingt wie ein Ehekrach.

Pause. Schon wieder Gruppe 47. Früher wurden da doch schon die Autoren interviewt? Naja. Zeit für den zweiten Kaffee.

Zwischenruf. Ich vermisse Herrn Spinnen.

Thomas Stangl: Text für Klagenfurt
Der Titel klingt ja recht lakonisch ehrlich. “Er ist nicht dieses Kind” stolpert der Autor in seinen eigenen Text hinein, erfängt sich akustisch aber schnell. Aaahhh, schon wieder so ein “ich verarbeite meine ekelige Kindheit”-Text. Abschaltimpuls. Ich versuche, stark zu bleiben. Adjektivstau. “schmale” Sonnenstreifen, “lange” Gänge, “säurezerfressene” Fotoplatten. Wenn mir sowas schon Mal auffällt, ist es arg. Es wird immer schlechter. Inhaltlich durch und durch gekünstelt und voller Plattitüden, sprachlich altbacken, Vortrag sakral. “Text für Klagenfurt”? 1975 vielleicht.* Den Bachmannpreis gibt’s seit 1977.
Diskussion
War ja klar, war ja klar. Strigl und Rakusa bewundern den Text. Wien als “tote Stadt”. Blablabla. Ebel findet den Text “schwierig”. Mangold erlebt die Erinnerung als “bedrohlich”. März liest “Inmich”-Literatur. Nüchtern fand den Text suggestiv, obwohl er ihm nicht liegt. Er sieht Faustwatschen in der Luft hängen und traut sich, “auf die Eier gehen” zu sagen. Das Publikum lacht pflichtbewusst. Heiz findet ein drittes Auge. Radisch sieht “ein Ich, das sich grenzenlos öffnet, nämlich zur Welt hin.” Äh? Sie findet den Text “beglückend”. Interessant, ich finde ihn selbstmordgefährdend. Rakusa muss noch etwas sagen und lobt die Pointenlosigkeit des Textes. Corino versucht zu verstehen, warum sich das “Subjekt so verhält, wie es sich verhält. Interessiert mich gar nicht.

Martin Becker: Dem Schliff sein Tod
Jemand pflanzt Geranien, jemand hat zuviel getrunken und sucht einen Hund. Nein, mehrere Hunde. Und schon wieder ein altes, pflegebedürftiges Ehepaar. Der Text ist flott und wird flott gelesen. Schön absurd. Kein Winner, aber nett zu hören und *räusper* handwerklich gut gemacht. Ich hör schon, wie sie ihn zerreißen werden. “Unwahrscheinliches Ende”, Aha. Was ist eigentlich mit den Jungs passiert?
Diskussion
März erklärt sich zur Spassverderberin. Für Strigl ist es “too much”. Radisch liest Parallelen zu “Biedermann und die Brandstifter”. Für Ebel kommt Freude auf. Der Autor blickt verknittert. Mangold versteht die Funktion der Komik nicht. Huh? Heiz findet die innere Konsequenz des Textes phantastisch, versichert sich aber, dass Nüchtern keinen Metatext verkaufen will. Will er nicht. Heiz verwendet völlig unerwartet das Wort “trashy” (und meint es positiv). Nüchtern findet doch noch einen “Meta-Moment” und erzählt aus seiner Kindheit. Grandits bedankt sich und will noch was durchsagen, aber der Livestream-Verantwortliche schaltet auf RTLII um.

Das war’s also für heuer mit den Lesungen.

Und der zweite Nachmittag

29. Juni 2007, 15:03 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2007

Milena Oda: Der Briefschreiber
“Das Hotel ist die perfekte Umgebung für mich. Still, sauber und distinguiert.” Mhm. - Die bemühte Art des Vortrags nervt etwas. Ist aber sicher auch nicht leicht, in Klagenfurt mit so viel Akzent anzukommen. Katastrophe! Der Kaffee ist aus! Und der Nachmittag hat keine Pause…was mach ich jetzt? - Lebensdetails aus Schriftstellerbiografien zum Selbstbild zusammengesetzt? Wo will sie hin? Briefe, an unerreichbare Empfänger als beste Freunde? Hamburger-Fischverkäufer in meinem Kopf, traurig kopfschüttelnd: Nee, nee, nee. - Nun wird ja Klagenfurt nicht unbedingt für Hamburger Fischverkäufer veranstaltet, aber diesmal muss ich ihm zustimmen. (Und von dabei schon im Vorhinein eine Vision, wer in der Jury was daran genial finden wird.)
Diskussion: Radisch hat Mühe mit dem Text. Dann Sendeausfall. Was ist passiert? Der Livestream bleibt auch stumm.
Ah, wieder da. Hm, auch Corino dagegen? das wundert mich jetzt. Heiz verteidigt “seinen” Text, und ich versteh ihn noch weniger. Den Text. Ich geh jetzt schnell Kaffee holen, sonst halte ich nicht durch.

Kurt Oesterle: Wunschbruder Langweilig, langweilig, langweilig. Bemühte Metaphern. “Sie schlugen mit Wörtern um sich als wären es Schwerter.” Schnarch. Diese Texte aus gespielter Kindersicht haben doch noch nie funktioniert.
Diskussion: Begeisterung. “erinnert an Treichl” - na dann kann’s mir ja nicht gefallen. Radisch und Nüchtern können nicht ganz folgen. Radisch geht ins Museum.

Peter Licht: Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends
(Hat natürlich sein Videoportrait selbst gestaltet. Und wird natürlich sein Gesicht nicht zeigen.) Ich mag ja seine Musik. Hinterlistig absurd-lustiger Beginn. Bis sich das Loch im Boden als werdende Katastrophe erweist. “ein größenwahnsinniger Schwall Wasser?” - Naja. Kurz pointiert kann er besser. Guter Schluss. Großer Applaus.
Diskussion: Nüchtern liest einen hysterisch lustigen Selbstberuhigungstext und Jazz im Helge Schneiderschen Sinne. Mangold schließt sich an. Heiz ist auch begeistert, aber wie er das ausdrückt, habe ich sofort wieder vergessen. Radisch erklärt wieder Mal das Offensichtliche. Strigl findet den Umkehrpunkt (hab ich auch so gehört). Corino schweigt. Schade, ein realwissenschaftlicher Exkurs zum Thema umgestülptes Pferd wär sicher hilfreich gewesen. 3sat hat noch 20 Minuten Sendezeit übrig (hab ich auch noch nicht erlebt).

Man liest sich morgen.

Bachmannpreis 2007, Tag 2

29. Juni 2007, 09:06 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2007

Fernseher läuft (Nase auch), Kaffee bereit, auf gehts.

Silke Scheuermann: Die Furchtlosen
Wirkt etwas verknittert. Party gestern dürfte gut gewesen sein. Nette Geschichte, zu viele Details. Guter Dreh mit den Perspektiven.
Diskussion
Die Jury sagt das Offensichtliche. Beruhigend. Ich war schon verunsichert, weil mir nur Offensichtliches eingefallen ist. Radisch ist sprachlich enttäuscht und bemäkelt die “plot-selige” Diskussion. Nüchtern und Mangold verteidigen brav. Ich brauche mehr Kaffee.

Ronald Reng: Prolog eines neuen Romans
Eine mühsame Art vorzulesen, und schon der erste Satz nimmt mich gegen den Text ein. Wieder Mal ein Text aus einem Frauenkopf aus Männermund? “Die Stille schluckte die Schönheit.”? Naja. Beklemmendes Kleinbürgeridyll mit Kranheitsgespenst im Hintergrund. Endlos weinerlich.
Diskussion:
Nüchtern beginnt und sagt, was ich denke. Beunruhigend. Radisch sieht die Krankheit als “Leerstelle”. Na so was. Corino vermisst die literarische Transsubstantation und findet einen falschen Wochentag. Ebel hat eingeladen und lobt Klarheit und Doppelbödigkeit.

Pause. Wo sind eigentlich die Verlags-Wichtigtuer, die man sonst in den Pausen interviewt hat?

Dieter Zwicky: Mein afrikanisches Jubeljahr
Ich mag ja schweizerisch, aber seiner Melodie ist schwer folgen. Eine sinnlose (?) Beschäftigung, ein stummer Chef und unabhängig voneinader zuckende Körperteile. Hm. Ich versteh auch nicht wirklich, warum das Publikum kichert. Schon wieder liegt ein Paar ohne Aussicht auf Schlaf im Bett. Jetzt kichere ich, aber das Publikum nicht. Ich habe völlig den Zusammenhang verloren. Gibt es überhaupt noch einen? Aosta-Quitten? - Spricht übrigens nicht gegen den Text. Aber diese schnaufige Leserei nervt mittlerweile ziemlich.
Diskussion: “Beste Schweizer Eigenwilligkeit”, ah ja. Sehr erleichternd, eine normale Stimme zu hören. Rakusa ist froh, sich nicht über Plots unterhalten zu müssen und lobt die Sprache. Heiz sieht die Quitte als Frucht vom Baum der Erkenntnis, die nicht gegessen wird. Corino liest das Quittenküken als Text-Selbstbeschreibung. Gemein! Am Schluss läuft Heiz nochmals zu großer Form auf und lässt nicht einmal das Gilgamesch-Epos aus.

Ich bin schon ganz schwachgelesen heute. Wird Mal Zeit für einen Powertext, hier.

Michael Stavaric: Böses Spiel
Irgendwoher kenn ich den. Aber woher nur? Weia, schon wieder ein Mann-Frau-Text. Oder ein Sex-Text? Hm. Der Text ist gut, nur ich bin ungehalten. Ich weiß zwar nicht, ob die ganzen theoretischen Gewalttätigkeiten nötig sind. Ist aber auch OK. Ich mag die strudelige Sprache. Muss man sich aber vorlesen lassen.
Diskussion Mangold interessiert nichts an dem Text, außer dem Sex. Das ärgert ihn. Warum eigentlich? März mag das nicht-pathetische am großen menschlichen Drama. Rakusa psychoanalysiert Mangold. Corino erklärt den Palmdieb. Nüchtern schmettert den Jellinek-Vergleich ab und ist beeindruckt. Der Sound vom Livestream ist mies. Warum darf eigentlich jede Volksmusiksendung im Fernsehen überziehen, nicht aber eine Literaturdiskussion? Corino sieht den Versuch einer männer-untypischen Synthese zwischen Herz und Kopf. Heiz hat ein archaiisch-mystisches Oratorium gehört. Die Radisch weicht in einen Geschlechterdiskurs ab und interessiert sich dabei nur am Rande für den Text. Ich interessier mich nur sehr am Rande für ihre Ansicht.

Hätten wir das auch überstanden. Wir lesen uns um 3.

Bachmannpreis, Nachtrag zum ersten Tag

28. Juni 2007, 21:36 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2007

(...nur weil überall bezweifelt wird, dass es so etwas gibt.) Ich habe schon Mal einen auberginefarbenen Porsche gesehen, das war im Waldviertel, am Parkplatz eines Raiffeisen-Markts. Dort hat er auch hingepasst. Anders gesagt, in rot, gelb, schwarz oder sogar weiß kommt ein Porsche einfach besser. Aber das hat schon längst nichts mehr mit dem Text zu tun.

Bachmannpreis 2007 II (livegebloggt)

28. Juni 2007, 15:01 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2007

Jörg Albrecht: von Schläfe zu Schläfe [Phantombildschirm]
Wie steht er denn seltsam da? Erinnert mich an den einen Popmusiker, den einen uncoolen, der im letzten halben Jahr so in war. Fällt mir grade nicht ein. egal. Liest atemlos und viel zu schnell. Hat ja auch gesagt, er möchte am liebsten nur noch Musikvideos nacherzählen. Hm. Sterne, Kreuzberg und Boxen, die man öffnen will aber sich nicht traut. Enter. Ja, schon klar, Gleichzeitigkeiten, anderer Zugang zur Reizüberflutung. “Aus der schwarzen Box kein Echo” jenau. Seit wann darf man denn Effektgeräte in Klagenfurt? und Bilder an die Wand werfen?
Etwas psychedelisch, modern im Inhalt, rhythmisch teils lyrisch. Müsste also passen. Passt mir aber nicht. Seltsam. “Traum 2.0”? Auch das noch. Das letzte Drittel deutlich besser, liegt’s am Gitarrenloop?
Diskussion:
Heize: “Wo kommt der Stoff her?” - Das frag ich mich allerdings auch. Radisch wirft mit Heidegger und Medientheorien um sich. Ich geh Mal schnell Zigaretten holen. ...und komme rechtzeitig zurück, um von Radisch Meditationskassetten empfohlen zu bekommen. Ist das eine ernstzunehmende Drohung?

Fridolin Schley: Unannehmlichkeiten durch Liebe (Auszug)
Ich mag keine Texte, die durchgehend in indirekter Rede ankommen. Aber das ist mein Problem, nicht das vom Text. Die Unwiederbringlichkeit der Vergangenheit in einer Beziehung… naja. Nicht gerade das frischeste Thema. Was mich an der Geschichte am meisten stört, ist dass ich sie trotzdem gerne höre.
Diskussion
Der verblüffendste Moment bislang, dass Nüchtern diesen Text positiv bespricht. Auf nix kann man sich verlassen.

Lutz Seiler: Turksib
Hat nette Augen. Führt uns in eine fremdartig-orientalische Welt, die möglicherweise atomverstrahlt ist. Dunkel. Interessant. Ein Text, der vorwiegend von der Sprache leben will, sollte allerdings nicht mit “vorsintflutlichen Blechkarossen” ankommen. ...  Uhuh. Eine Faust, die einen Vers zerschlägt? Und ein Schienenstoßverursachter Schmerzenskuss? Der Text hat vielversprechend begonnen, wird aber immer und immer langweiliger, vom körperlichen Grauen mal ganz abgesehen. Da hilft die ganze sprachliche Kunstfertigkeit nichts mehr.
Diskussion
Radisch findet den Text großartig (war ja klar). “Tiefe und Vieldimensionalität”, Jahaaagähn. “Kafka ist nie ganz falsch.”, Nüchtern. “Man könnte diesen Text auch nach den Prinzipien einer Schwulen-Ästhetik lesen”. Boah, das reicht für heute.

2 x mitgeredet

Pausenfüller

28. Juni 2007, 14:33 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2007

Der Grund-Grant in meinem Rezipieren kommt vermutlich von einer seltsamen halben Verkühlung, die sich langsam in mir breit macht. Auch die (beim Schlafen) verspannte Schulter trägt nicht unwesentlich dazu bei - es ist die linke, und wenn ich vor dem Computer sitze und zum Fernseher schauen will, muss ich den Kopf nach links drehen, was jedes Mal mit “Aua!” endet. Das animiert nicht zu literaturtheoretischen Höhenflügen.

Was andere diesmal übers Preislesen bloggen, sammle ich erstmals auf delicious - hier. Ihr könnt mir gern noch mehr Links melden.

Guten Morgen, Klagenfurt (livegebloggt)

28. Juni 2007, 09:02 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2007

Web-Teppich? Gruppe 47? Oswald? Ich glaub ich bin noch nicht ganz wach. Die Jury sieht auch nicht ganz wach aus. Nüchtern hat nichtmal den Pyjama ausgezogen. Der neue Schweizer sieht aus, als würd er sonst ein Pferdefuhrwerk kutschern. Ah, es geht los.

Jagoda Marinic: Netzhaut
Der Text ist gar nicht schlecht, obwohl jeder Versuch, den Inhalt zusammenzufassen, abschreckend klingt: Der Tag einer introvertierten, leicht neurotischen Bibliothekarin. Etwas zu quengelig streckenweise (“Warum müssen die zu weißer Haut kurze Hosen tragen?”), aber das gehört wohl dazu. Man folgt gerne. Die Stärkste Passage liegt allerdings am Anfang, ab dem “Starbucks”-Teil verliert der Text seinen “Drive”. Übrigens wieder Mal ein Beispiel, dass in jedem Text weiblicher Autorinnen irgendwo ein Vulgärwort vorkommen muss, aber “Wir vögeln unsere Pinguine noch selbst” ist immerhin witzig.

Bei den Frühlingsrollen Hunger gekriegt. Wir lesen uns nach dem Frühstück.

Die Jury ist schwer auszuhalten. Schublade: “Weltekel”, Urteil: “zu schwach”. Nüchtern sucht den “Mehrwert” - auch das noch. Klingt, als hätte sich nur Ebel (der eingeladen hat) überhaupt mit dem Text beschäftigt. Der Kutscher nervt gewaltig.

Schon vor dem zweiten Text keine rechte Lust mehr. Hm.

Christian Bernhardt: was sie hier haben
Mh? Er steckt Brot in den Toaster, will Wasser kaufen und boxt seine Freundin in den Rücken, dass sie umfällt? Schlamm-Shampoo vom toten Meer? Bauschaum aus dem Baumarkt? Ah, ist das langweilig. Was will er eigentlich? !Das erste rote Blut, dass heuer runtertropft. Danach will er sie küssen. Natürlich muss er nichts wollen, der Text, das wär ja noch schöner. Lustige Terroristen, die über Baumarktparkplätze kreisen. seufz “Die Welt ist kleiner geworden, aber auch unübersichtlicher.” *argh* ...und mein Kaffee ist auch schon leer.
Sprachlich versucht er sich an Repetitiv-Figuren, aber auch das nicht recht überzeugend. So, wie der Text an mir vorbeigeht, wird die Jury wohl begeistert sein. In mir verdichtet sich der Verdacht, dass das ein gewalttätiges Ende nehmen wird. Falsch verdächtigt, es ist ein Unfall. Na Hauptsache Blut. Das kommt immer gut, in Klagenfurt.

Die Jury überreascht mich, sie ist kaum dafür. Nur der Kutscher (okok, ich werd ihn ab sofort beim Namen nennen): “Wunderbare Musik der Beliebigkeit” Hört jemand meinen Kopf auf den Schreibtisch schlagen? Nüchtern spricht sich in Rage. Das ist immerhin etwas.

Pause.

Jochen Schmidt: Abschied aus einer Umlaufbahn
Da schau her. Und der Verlag bloggt auch mit. Interessant. Der erste Text dieses Jahr, bei dem mich das Zuhören keine Überwindung kostet. Bin aber nicht ganz sicher, ob das am Text liegt oder an der Uhrzeit.
Dass es hier so ruhig bleibt, liegt daran, dass ich fasziniert war. Bin nicht die einzige mit “Major-Tom”-Assoziation, aber 2001 ist auch drin. Tiefgründig & trotzdem witzig. Fein. (Wahrscheinlich besser zu hören als zu lesen. Mal sehen, wann sie die Videos hergeben).

Und die Jury wird jetzt Mal ignoriert. (Obwohl sie dann noch recht nett existenzphilosophisch wurde.)

Andrea Grill: Freunde
Es ist ja unfair, aber mit dieser Stimme und Diktion kann kein Text überleben. Ich kann gar nicht richtig zuhören. Das ist schade, denn der Text hat recht lichte Momente.
Hehe, die Radisch: “Wir müssen uns hier für kompetent erklären, egal ob es stimmt.” - Je nu. So schlecht, wie sie den Text jetzt reden, war er auch wieder nicht.

1 x mitgeredet

Morgen geht’s los

27. Juni 2007, 21:12 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2007

In Klagenfurt wird wieder um die Wette gelesen, und wenn ich nicht verschlafe, wird hier ab 9 Uhr livegebloggt. Freue mich über (kommentierende? Auch livebloggende? Jedenfalls zuhörende.) Gesellschaft.

(Kommentarmoderation wird dann auch wieder abgeschaltet - nur momentan laufen hier pro Nacht ein paar hundert Spams ein.)

2 x mitgeredet

Gone Missing

15. Januar 2007, 15:15 - Buch und Literatur

Robert Anton Wilson hat seinen Körper verlassen. Mehr Links im Literaturcafe.

Klagenfurter Lesespektakel 2006, Fazit

26. Juni 2006, 23:56 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2006

Wegen dringender anderer Pflichten (nein, ich meine nicht das Schweden-Spiel) konnte ich dieses Jahr nur wenige Texte und Bewertungen live in 3-sat miterleben - aber nach ausführlichem Nach-Hören und Nach-Schauen habe ich offenbar nicht allzuviel verpasst. Genau betrachtet hat sich dieser Literaturwettbewerb diesmal kräftig selbst vorgeführt. Das spricht jetzt nicht gegen den Siegertext von Frau Passig, den ich, hätte ich es nicht verpasst, in der Publikunmsabstimmung vermutlich auch gewählt hätte - es spricht gegen den Wettbewerb an sich. Wenn die Radisch in der Abschlussrede selbstbewusst verkündet “Ich glaube, der Bachmann-Preis ist erwachsen geworden” - dann möchte ich antworten: “Ja. Und genau das ist das Problem.” Der Wettbewerb ist auf langweilige Art erwachsen geworden, und zwar so sehr, dass ich gar keine Lust mehr habe, Text für Text mitzugehen.

Der schönste Moment des diesjährigen Bachmann-Preises war - leider - keine Lesung, sondern der Moment in der Diskussion über den allgemein verrissenen Text von Ina Strelow, in dem Burkhard Spinnen seine eigene Unsicherheit offenlegt und den “ursprünglichen” Geist des Bachmann-Preises beschwört. Beginnt ungefähr bei Minute 14:30 dieses Videos und mündet in eine Selbstreflexion der Jury, die man durchaus noch weitergeführt sehen möchte. Nunja. Ich zumindest. Wiederum “leider” spricht das aber auch nicht für den besprochenen Text - der ist, wie Frau Rakusa bemerkt, sprachlich wirklich “viel zu wenig radikal”.

Es war vielleicht nicht ganz so schlimm, wie die Zeit meint, aber definitiv kein Highlight. Wer’s detaillierter wissen möchte, ohne alle Texte zu lesen oder nachzuhören, der liest am besten in den Reisenotizen oder bei Liisa nach.