Andrea Sturm

Buch und Literatur

Bücherschrank

26. September 2001, 12:33 - Buch und Literatur · Geschreibsel · Nostalgia

Während ich in meinem wildwuchernden Bücherschrank nach einem bestimmten Band suche mit einem ganz bestimmten Gedicht, das dazu noch etwas zu sagen hätte; ich finde das Buch nicht, kein Wunder bei diesem Chaos, Mankell steht hier neben Arno Schmidt und Terry Pratchett neben Handke, Doris Lessing verschwestert sich mit Douglas Coupland und Goethe philosophiert mit Carlos Castaneda, schräg beobachtet von Klaus Kinski, der sich mit seiner Nachbarin Barabara Frischmuth nicht so recht anfreunden will (das beruht vermutlich auf Gegenseitigkeit); während ich also suche und nicht finde, erhält im Autorengetümmel die kleine blaue Glasfigur aus Schweden einen Ellbogenstoss und will hinunterfallen, reflexartig drücke ich sie mit dem Unterarm gegen die beiseite rückenden Autoren und das tut höllisch weh, quetscht mir die Sehnen und rutscht dann an meiner ohnehin schmerzenden Schürfwunde entlang nach unten, bis ich sie mit der anderen Hand erwische und wieder an ihren Platz stelle wie ein ungezogenes Kind. Der kleine schwedische Troll grinst hämisch wie immer, hat nur eine Krone gekostet damals auf dem Flohmarkt auf Öland, und jetzt spiegelt sich der Lampenreflex in seinem Glaskörper wie damals das Sonnenlicht, und gestern ist heute und heute ist irgendwann, und trotzdem:





Nichts wird jemals wieder so sein, wie es irgendwann einmal war, aber das kommt nicht von niedergebombten Hochhäusern, das kommt nicht von ermordeten oder leidenden Menschen, das kommt von der Zeit selbst, die alles immer verändert, grausam und zärtlich…

Jeff Noon: Gelb

23. August 2001, 21:07 - Buch und Literatur · Geschreibsel · Kurzprosa

Rezensionen


 


Assoziationen



Die Schwalbe ist wach, und sie legt den Kopf in den Nacken und stimmt ein Wolfsgeheul an, langgezogen und unheimlich, das gegen Ende hin ganz langsam, so langsam, dass der Übergang beinahe nicht zu hören ist, in ein dunkles, gackerndes Gelächter übergeht. Deine Träume, deine Ideen: Einzigartig? Das könnte dir so passen. Alles industriell maßgeschneidert: Auf die dir eigene Dummheit. Kein Kompromiss und keine Freiheit. Kein Weg zurück.



Die Schwalbe grinst, und sie läßt Federn. Aber das macht nichts, nicht wahr? Du Don Quijote der Neuzeit, immer noch die Lanze erhoben: aber die Windmühlen grinsen auch, und sie werden immer die Stärkeren bleiben. Soviel Realitätssinn muss sein.



Das hindert dich nicht daran, die Lanze zu schwingen. nicht wahr? Und du hoffst auf Beifall, aus dem unendlichen Blau.



Stattdessen das haltlose Kichern der Schwalbe.



Es kümmert dich nicht.

 

Doris Lessing und der Feminismus

12. August 2001, 13:10 - Buch und Literatur · Weiberkram

Zum ersten etwas Allgemeines. Feminismus ist ein -ismus und daher wie alle solchen mit Vorsicht zu genießen. -ismen bestehen aus AmtsträgerInnen, staubtrockenen Pamphleten und unbeugbaren Regeln. -ismen sind Feinde des Organischen, des Hausverstands und des Unberechenbaren. -ismen sind ganz einfach suspekt.



Zum zweiten: Der dieStandard-Artikel ist schlecht und polemisch übersetzt. Im Original steht:

Lessing claimed that much of the “great energy” whipped up by feminism had “been lost in hot air and fine words when we should have been concentrating on changing laws. dieStandard übersetzt: [Lessing] suchte Distanzierung vom Komplex Feminismus, dessen “große Energie in heißer Luft und schönen Worten verloren gegangen” sei, wie sie in Edinburgh betonte. The Guardian zitiert: “It has become a kind of religion that you can’t criticise because then you become a traitor to the great cause, which I am not.” dieStandard übersetzt: [nichts] The Guardian schreibt: Lessing also revealed she is not going to write a third volume of her autobiography because she did not want to offend so “many great and eminent people by reminding them of their silliness. I just can’t be bothered, to be honest”. dieStandard übersetzt: Schreiben will Lessing künftig nicht mehr, zumindest nicht den dritten Teil ihrer Autobiografie. Es kümmere sie nicht mehr. Ein Lehrstück zum Thema sinnentstellendes Weglassen.


Tom Robbins: Fierce Invalids from Hot Climates

22. Juli 2001, 22:20 - Buch und Literatur

Why, he might have asked, did it seem so tricky, so difficult, to lead simultaneously a romantic life and a fully conscious one? (Tom Robbins)

Handlung und Sprache gewohnt buntschillernd fremdspannend. Trotzdem am Ende irgendwie enttäuscht. Vom Ende.

 

Hetzen:

02. Juli 2001, 21:37 - Buch und Literatur · Geschreibsel

Von morgen nach gestern und nach heute zurück. Über glasgrünen Wiesen und kuchengelben Feldern schwimmen Wattewolken, lachsrosa, mit blauen Flecken. Dann eine zerschundene Email von ganz oben. Die getane Arbeit türmt sich wie eine Schutthalde vor mir auf. Zigaretten sind ausgegangen, ein Bier ist noch da.


 


“I rather like the smell of absurdity in the morning.”



(Tom Robbins)

 

Ein Päckchen

05. Juni 2001, 11:09 - Buch und Literatur

Da liegt, ungeöffnet und unberührt, genauso, wie der Bote es gebracht hat:



ein Päckchen.



Ich brauche es auch gar nicht zu öffnen. Ich weiss was drin ist.



Ein Buch.



Kein so-im-vorbeigehen-gekauftes Buch. Vielmehr ein langerwartetes.



Jetzt eine Hängematte, irgendwo am Wasser. Still müßte es sein.



Dann dieses Päckchen öffnen und dieses Buch herausnehmen und erst einmal die Seiten unter dem Daumen durchlaufen lassen, um den Neu-Buch-Geruch zu geniessen.



Dann alle Klappentexte, den Lebenslauf des Autors, die Werbung am Schluss, die Auflageninfos genauestens studieren.



Dann über den See schauen, und schliesslich, ganz feierlich,



die erste Seite aufschlagen.



So sollte es sein.



Ja.

Zu schade

12. Mai 2001, 22:23 - Buch und Literatur · Chronistisch

Douglas Adams hat diese Welt verlassen. Dabei hatte ich immer gehofft, die fünfteilige Trilogie würde noch ein paar Teile mehr bekommen. Oder “The deeper Meaning of Liff” würde vielleicht noch mehr Tiefsinn kriegen. Wirklich schade.

Niemand singt

09. Mai 2001, 22:23 - Buch und Literatur · Lyrik · Chronistisch · Geschreibsel

Online nicht und offline auch nicht: Das Enzensberger-Gedicht, das so gut zum heutigen Tag gepaßt hätte… Schade.



(“Niemand singt”)



Stattdessen beim Stöbern im Bücherschrank eine alte Freundin wiederentdeckt: Christiane Rochefort. Und dazu spuckt Google viel zu viele französische Suchergebnisse aus, mit denen ich wenig anfangen kann, und Amazon kennt zwar einiges, darunter auch



“Zum Glück geht’s dem Sommer entgegen”



ein Text über das Leben. die Hoffnung. die Kinder. die Träume. geschichtengewordene Soziologie? Pädagogik? Steht am Klappentext. Stimmt aber nicht. Ist einfach nur schön zu lesen.



Nichts aber, nicht ein Sterbenswörtchen, spuckt das Netz aus zu



“Die Welt ist wie zwei Pferde”



die dunkle Seite des Sommers. das Schwarze. das Destruktive.



nicht einmal Suhrkamp kennt das Buch, das sie verlegt haben. Nicht einmal das Suchverzeichnis des deutschen Buchhandels spuckt irgendein Resultat aus. Erschienen 1986. Kann etwas in so kurzer Zeit so nachhaltig verschwinden? Etwas, in dem Sätze stehen wie:



“Manchmal sitzen wir da und schauen uns an. Und sagt ja nicht, das sei wenig: Das ist noch nie getan worden.”



... oder ...



“Wir haben nichts zu fragen, wir reden nicht mit ihnen. Wir ziehen uns zurück. Sucht uns nicht. Wir sind nicht da. Anderswo sein, das ist unsere Art.”



... oder ...



“Früher ist es vorgekommen, das wir liebten. Hinterher entdeckten wir dann, dass es gar nicht wahr war (nicht wahr gewesen war) (nicht gewesen war).”



... genug.



Vielleicht eines Tages, wenn ich viel Zeit habe,  das Helle nehmen und das Dunkle: Und gegenüberstellen. Und zeigen, dass es gar kein Widerspruch ist.


 


Ein empfohlenes Buch lesen: Das heisst, ein Buch zweimal zu lesen - gleichzeitig. Einmal durch die eigenen Augen, und einmal durch die des Empfehlenden. Ob es Peter Praschl und Ronsens auch so geht?


 


Soll man Bücher lesen, empfohlene oder selbstgefundene, obwohl sie die Schwalbe füttern? Vermutlich ja: gerade dann.

 

Karl Krolow

23. April 2001, 12:00 - Buch und Literatur · Lyrik

Ziemlich viel Glück

Gehört dazu,

Daß ein Körper auf der Luft

Zu schweben beginne

Mit Brust, Achsel und Knie

Und auf dieser Luft

einem anderen Körper begegne,

Wie er

Unterwegs.



Die Atmosphäre macht

Zwei innige Torsen aus ihnen.

Unbemerkt beschreibt ihr Entzücken

Zärtliche Linien in Baumkronen.

Eine ganze Zeit noch

Ist Ihr Flüstern zu vernehmen,

Und wie sie einander

Das schenken,

Was leicht an Ihnen ist.



Glücklichsein beginnt immer

Ein wenig über der Erde.



[Karl Krolow. Gefunden von Zirbella]