Andrea Sturm

Buch und Literatur

Bachmannpreis 2011, Fazit

10. Juli 2011, 23:39 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2011

Die Preisverleihung war wie die Lesetage: Gekürzt, gehetzt, und durch die resultierende nahezu atemlose Art wirkte sie beinah belanglos. Irgendwie ein Kreislauf: Die Fernsehzeiten werden gekürzt, weil das Interesse angeblich zu gering ist, das Interesse sinkt mit der gefühlten Bedeutungsschrumpfung. Außer der Hauptpreisträgerin und dem Publikumssieger war ich mit allen Entscheidungen einverstanden; überrascht hat mich, dass mein Favorit gleich den zweithöchsten Preis zugesprochen bekam.

Wünsche für die Zukunft? Mehr Zeit. Mehr Texte. Individuellere Jury.

Aber ich fürchte fast, dass das Wünschen da nichts helfen wird..

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Bachmannpreis 2011, (mehr oder weniger) livegebloggt 5

09. Juli 2011, 13:49 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2011

Ich drehe den Fernseher ein bisschen zu spät auf, Leif Randt liest bereits. Schon nach ein paar Sätzen habe ich das Gefühl, den klassischen Klagenfurt-SiegerText zu hören. Das nimmt mich ungerechterweise gegen ihn ein. Ich höre ein bisschen “Schöne Neue Welt”, ein bisschen Berlin, ein bisschen Agenturszene, ein bisschen übermodern coole Kommune. Der Text hat wunderbare kleine Sätze, und lässt einen unschlüssig zurück: Soll man in dieses Paradies einziehen oder doch lieber jubeln, wenn (irgendwann außerhalb des Textes in der Zukunft) der große Krach kommt?

Winkels meint, der Tagesauftakt sei gelungen, und spricht von Wellnessoasen. Er lobt die Genauigkeit des Textes, die geholfen habe, Langeweile zu vermeiden. Strigl erkennt eine “Generation Obstkorb” und zieht Parallelen zu “Truman-Show”. Kapitalistische Idee des neuen Menschen. Feßmann findet einen Vorwurf an Eltern, die keine sind. Für Jandl fällt die künstlich aufgebaute Welt wieder zusammen. Keller (er)findet das schöne Wort “Kultur-Täter” und sieht eine Zelebration des Sekundärlebens. Winkels hat beim Lesen einen Schmerz gespürt, den ihm der Rest der Jury abspricht. Sulzer antizipiert einen Zusammenbruch. Spinnen stimmt zu und spricht von Katastrophenfilmen. Er findet den Text schön, lustig und unterhaltsam - und meint, das sei sein Problem. Der Rest der Diskussion verliert sich.

Mit einer schnellen kalten Dusche und dem zweiten Kaffee verpasse ich das Videoportrait von Anne Richter. (Ich hab dieses Jahr überhaupt kein Autorenvideo gesehen, außer dem hüpfenden Sessel, fällt mir auf.) Ihr Text beginnt als düster-halbidyllische Familienminiatur auf einem Begräbnis, was ja an sich nichts Schlechtes ist, aber mich sofort zum Gähnen bringt. Ein kurzes dramatisches Aufblitzen mit Bierflaschenscherben und Blut, dann wieder elendslange Beschreibungen von Ferienlager und Tischtennisspielen. Viel zu viele selbstverständliche Eigenschaftswörter und dann doch wieder Blut am Fuss, und ich kann ihr nicht zuhören, der Vortrag genau so zäh und getragen wie der Text. Nicht enden wollende Beschreibungen davon, wer wann wo wie im Raum steht, und welche Hände sich wie bewegen oder auch nicht.

Sulzer findet den Text “gut gemacht, aber brav”. (Ich finde langsam die Jury zu brav.) Strigl meint, das war blutleer und träge. Feßmann will eine Lanze für den Text brechen und versteigt sich bis in eine “Maria-Magdalena-Szene”. Winkels hat ein “erzählerisches Unglück” erlebt (ich auch). Keller hat eingeladen und sieht eine Geschichte in Pastellfarben erzählt. Spinnen holt weit aus und meint dann, er erkennt die Anstrengung, aber gelungen scheint ihm der Text nicht zu sein. Ich denke, ich habe mich nicht allein gelangweilt.

Michel Božiković gibt sich im Portrait sportlich: Segeln & irgendein Kampfsport. Kroatische Inseln. Auch der Text geht mit Inseln los, mit einem Mond darüber. Er liest (zu) schnell, atemlos geradezu. Erscheinung des Autors und Tonfall des Texts irgendwie ein hauch von frühen 60er-Jahren, auch wenn aktuellere Ereignisse darin vorkommen. Die Erwähnung von Castaneda lässt auf Drogen hoffen, die aber dann nicht vorkommen. Archaisches: Sonne, Mond, Wellen, Wind, Tiere in karikaturhafter Vermenschlichung. Krieg, Soldaten, Polizisten, Standard-Kampfszene. Viel “man” im Text. Absichtlich künstlich, aber es stört mich. Fluchtfilm, hat “man” auch schon besser gelesen.

Winkels wünscht sich einen Beginn am Ende von Tarantino endet auf abgeschmackt klischeehaft. Sulzer sieht die Ereignisse nur in der Imagination des Erzählers, während dessen tatsächliches ich über eine Schweizer Autobahn brettert. Ich hänge die Wäsche auf, statt weiteren Intellektualisierungen des Trivialen zu lauschen. Als ich wiederkomme, wird über griechische Tragödien, das “man” als Maske, und über Karl-May-Filme schwadroniert.

Ein Streichelzoo spielt die tragende Rolle in Thomas Klupps Video. Der Text geht mit Porno los. Bunt, nein vielmehr pastellfarben beschriebene Vaginen. Es geht um eine Arbeit im Literaturbereich, ‘Inszenierungsstrategien des Expliziten in Onlineangeboten westlicher Mainstreampornographie’. Das Publikum, das bei den Vaginen noch vornehme Zurückhaltung übte, lacht. Auch die “Verbeamtung im Schoß der Alma Mater” löst im Umfeld von Cumshots und Blowjobs große Heiterkeit aus. Die gewollt heitere Schlüpfrigkeit des Textes nützt sich recht schnell ab, er nimmt die Kurve zum von sich selbst erfüllten Unibetrieb, aber irgendwie bleibt alles flach.

Feßmann und Keller finden den Text lustig, bis die Selbstreflexion zunimmt. Jandl wagt das Wort “langweilig”. Strigl findet die Beschreibung des Universitätsbetriebs nicht so sehr übertrieben. Spinnen findet das schlimm. Er lobt die satirische Figur, spürt aber eine Ermüdung, weil der angekündigte Anspruch nicht eingelöst wird. Winkels hat eingeladen und verteidigt müde.

Das wars. Ab 15 Uhr abstimmen zum Publikumspreis, und zwar hier. Meine Stimme kriegt Steffen Popp, für die lyrische Sprache, und dafür, dass sich die eigentliche Geschichte wie von selbst zwischen den Sätzen erzählt hat.

Auf Diigo habe ich noch ein paar Links zum Thema zusammengetragen, werden bis morgen noch laufend ergänzt.

Bachmannpreis 2011, (mehr oder weniger) livegebloggt 4

08. Juli 2011, 15:08 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2011

Nina Bußmann
Text Autorin

Der Text leidet an Ereignislosigkeit und am entsprechenden Vortrag der Autorin. Etwas steht im Raum, neben Lehrer und Schüler und der möglicherweise gegebenen Ohrfeige, zwischen ertrunkenen Schnecken und wucherndem Unkraut, aber insgesamt ist der Text nicht interessant genug, um wissen zu wollen, was das eigentlich ist.

Allgemein lobt man die schwebende Art dessen, was passiert ist, oder nicht passiert ist, oder vielleicht passiert ist. Sulzer meint, der Mann ist schwul, und wenn er es nicht ist, ist er verklemmt. Später geht es noch um “stirngeografische” Ungenauigkeiten und die Feindschaft zwischen Lehrer und Schüler an sich.

Steffen Popp
Text Autor
Ein springender Sessel im Video, sonst nix. Lustig.
Im Auto zu vielt durch ehemals sozialistische Landschaften. Schöner Mehrfach-Stream of Consciousness, mehrere Bewusstheiten eigentlich. Kann zwar das anfangs mitreißende Tempo nicht durchhalten, verliert sich absatzweise in Beliebigkeit, fängt sich dann wieder. Mein Favorit, bislang.

Strigl findet eine Spurensuche und einen Film. Manchen Juroren ist das Ganze zu zerrissen. Jandl sieht einen betrachtenswerten Teppich. Der Thüringer Wald löst gemischte Gefühle aus. Insgesamt bleibt die Kritik leider mehr beschreibend als anlysierend.

Bachmannpreis 2011, (mehr oder weniger) livegebloggt 3

08. Juli 2011, 12:13 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2011

Linus Reichlin
Text Autor

Ein Arzt in einer ungenannt bleibenden Kriegsgegend, Afghanistan hat man dennoch sofort im Kopf. Der Arzt schießt nach einer Explosion auf zwei Frauen - oder eben auch nicht. Sandalen. Gehirnerschütterung, oder schlimmeres. Es wird geraucht, es ist staubig, heiß, und abends windig. Zum ersten Mal in diesem Jahr will ich wirklich wissen, wie es weiter geht. Schöne kleine Ideen, die Sandalen, das Wort, die medizinische Selbstbeobachtung.

Winkels ist die Geschichte zu klein und zu psychisch, was irgendwie am Text vorbeigeht. (Muss leider telefonieren & verpasse einiges) Irgendjemand zieht den Vergleich mit Hemwingway. Frau Keller spricht viel passender von Don Quijote. Spinnen zieht Vergleiche mit selbst Erlebtem. Ich finde die Jurydiskussion etwas flach insgesamt.

Maja Haderlap
Text Autorin

Wald, Männer, Vater, Krieg. Schon die ersten Absätze so getragen altbacken, dass ich am liebsten abdrehen möchte. Kärntner Slowenenthematik, aber leider furchtbar betulich, beschaulich, gähn. Sogar die Mobbingszenen klingen irgendwie niedlich. Danach Holzhämmer wie Jagd, Lager, Tod neben Allgemeinplätzen wie trägen, fetten Kühen. Schade um das gute Thema.

Die Jury dagegen findet den Text gut, ja sogar makellos. Jandl erklärt die historische Ebene, die eh alle längst verstanden haben. Nur Frau Feßmann zeigt zumindest ein paar Schwächen auf. Handke wird ins Spiel gebracht, das grenzt an Blasphemie.

Julya Rabinowich
Text Autorin

Ein wilder, düsterbunter Text, der mit seiner Metaphorik streckenweise “gar nicht geht”, dann wieder Fahrt aufnimmt und einen mit dorthin reißt, wo man gar nie hinwill. Ein Geflecht von Geschichten, die krank, schweißig und blutig sind.

Die Jury findet den text schwierig, teils “zu schwierig” (darf sie das?) und rätselt, welcher Art die Beziehung jetzt wirklich ist. Etwaige interessante Gedanken werden von der neu-klagenfurter Zeitnot im Keim erstickt.

Bachmannpreis 2011, (mehr oder weniger) livegebloggt 2

07. Juli 2011, 14:22 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2011

Anna Maria Praßler
Text Autorin

Uniatmosphäre und abstrakte, dann nicht so abstrakte Todesfälle. Berlin. Zeiten laufen durcheinander, wirkt aber natürlich. Die ganze Geschichte klingt so, als hätte man sie schon 100 mal gehört. Abgegriffene Allgemeinplätze, eckige Sprache. Schade eigentlich, die Geschichte selbst hätte funktionieren können.

Die Jury ist uneins, das ist immerhin bunt.

Antonia Baum
Text Autorin

Charmant-nervige jugendliche Überheblichkeit mit surrealen Drogen-Anklängen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gefällt mir der Text gut, trotz kleiner Durchhänger.

Strigl sieht eine Thomas-Bernhard-Parodie, eine missglückte noch dazu. Ich nicht. Die Jury gibt sich überhaupt abgeklärt und altersweise. Winkels verteidigt “seine” Autorin gekonnt, Spinnen wird unnötig persönlich.

Das war der erste Tag.

Bachmannpreis 2011, (mehr oder weniger) livegebloggt 1

07. Juli 2011, 11:53 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2011

Gunther Geltinger
Text Autor

Kälte, Schnee und Kotze in zögerndem Vortrag. Später noch seltsam umschriebenes Sperma und Kacke. Finsteres Moor, das aufsteigt und ins Haus kommt. Eine Mutter, die malt und raucht und irgendwann nicht mehr will. Schlaftabletten, ein böser Onkel, Tod und noch mehr Schnee. Insgesamt ein Psycho-Text von der Sorte, mit der ich wenig anfangen kann.

Strigl - gelungene Bilder, aber auch missglückte Metaphern.
Winkels - hätte man mit kleinen Kniffen in einen guten Trash-Text verwandeln können.
Keller - sieht in der Kotze eine Metapher für die unverdauten Erlebnisse, oder so ähnlich.
Feßmann - sieht ein fatal enges Mutter-Sohn-Verhältnis
Jandl - Autor ist seiner Mittel nicht ganz sicher.
Sulzer - vegetative Ebene der Körperflüssigkeiten, dagegen die Ebene der verwischten Bilder

Die Jury wird kurz gehalten und darf nicht ausschweifen.

Maximilian Steinbeis
Text Autor

“Einen Schatz vergraben”. In Anleitungsform. Schleimiger Bankberater, also quasi topaktuell. Weitgehende Abwesenheit von Körperlichkeit ist momentan sehr erleichternd. Ein gewollt glatter Text; was Leichtes. Erfrischend, aber nicht sonderlich literarisch.

Sulzer fand es beim ersten Lesen witzig, danach hat er auf die Details geschaut, die so nicht funktionieren.
Jandl sieht nichts Neues und vermisst die Genauigkeit
Winkels meint, der Autor exekutiert eine Idee mit letzter Konsequenz.

(Ich langweile mich & gehe statt weiterer Worte Frühstück holen.)

Daniel Wisser
Text Autor

Kopfschmerzen (der Autor, nicht ich). Ungewollte Ehefrau, gewollte Geliebte, doppelt verboten, weil innerbetrieblich verboten. Passivkonstruktionen en masse, wohl als Demonstration der Passivität des/der Protagonisten. Im Grunde keine schlechte Idee, nur zu intensiv. Aber immerhin, der Text wagt etwas mit und an der Sprache, was ich immer wieder einfordere. Auch wenn die Art sehr nervig war.

Dementsprechend lebhaft die Jurydiskussion. Vielleicht wird’s ja doch noch was.

Abschied vom Südbahnhof

02. Februar 2011, 20:26 - Buch und Literatur · Geschreibsel · Literatur

Wien Südbahnhof

Vor ein paar Monaten flatterte eine Anfrage des Wieser-Verlages in mein Email-Postfach - ob ich einen Text zu einem kleinen, feinen Bändchen über den mittlerweile abgerissenen Südbahnhof beisteuern würde, ein Liebhaberprojekt. Ich sagte zu, und als sich eine Weile nichts tat, vergass ich die Sache wieder. Bis - ja bis vor ein paar Tagen ein kleines Päckchen mit Belegexemplaren den Weg in meinen Postkasten fand.

Dem echten Wiener wird sein Südbahnhof fehlen, auch dann, wenn er von der Richtigkeit des neuen Bahnhofsprojekts überzeugt ist. Dem aus Süden Zugereisten wird er erst recht fehlen, denn er hat von diesem Bahnhof aus den ersten Blick auf die Wienerstadt geworfen. Deshalb ist die Idee von Herausgeber Thomas Kohlwein eine ganz wunderbare - ein literarischer Spaziergang durch die Geschichte eines Bahnhofs und seiner (Durch)Reisenden.  Die Geschichten sind sehr verschieden und doch verbunden durch das Gefühl des Unterwegs-Seins, und sie lassen staunen, wie verschieden ein Ort sich den Menschen einprägen kann.

Die literarische Reminiszenz an den verlorenen Bahnhof ist insgesamt sehr schön geworden, es ist ein stimmiges und trotz der Schwarzweiß-Bilder lesbar buntes Büchlein, eine richtig schöne Erinnerung an den alten Bahnhof und all die Dinge, die er in seiner Zeit gesehen hat.

Mein Text ist übrigens dieser hier, und er fühlt sich fast ein bisschen eingeschüchtert in der Gesellschaft von Größen wie Bachmann, Handke und Qualtinger. Und ein Foto von mir kommt auch drin vor:

Somewhere under the rainbow

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Bachmannpreis 2009 Livegebloggt Teil 5

27. Juni 2009, 10:26 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2009

Gregor Sander, Winterfisch. Schöner Titel. Im Text ist aber erst einmal Sommer. Ein Fischer und ein Boot, nur der väterliche Freund des beziehungs-leidenden Protagonisten kommt nicht. Viel Erinnerung. Könnte öd sein, ist aber eine angenehm bunte Gutenmorgengeschichte.

Twitter-Fangemeinde schläft hauptsächlich noch.

Jury: Sulzer erzählt erst einmal den Inhalt nach. Das greift um sich. Feßmann hat ein Problem und findet den Text handwerklich schlecht erzählt. Fleischanderl widerspricht, findet aber die handwerkliche Perfektion problematisch, wie kleine Backförmchen. Mangold denkt zuerst über die Stoffseite nach. Findet die Motive gut, findet aber, es müsste mehr Bedrohung davon ausgehen. Keller (hat eingeladen) hebt an, als würde sie auch vorlesen. Sie sieht eine Freundschaft der Dinge, die der Text atmet. Spinnen stottert ein bisschen und redet von 20 Jahren deutscher Geschichte und von einer “merkwürdigen Ruhe gegenüber den Weltläuften”.

Andrea Winkler. Der Text beginnt mit einer “ausgesprochen wirklichen Hand” und ist so überbetont vorgelesen, dass ich nicht zuhören mag. Der Text gewinnt deutlich, wenn man den Ton abdreht und stattdessen selbst liest, aber um ihn zu beurteilen, bräuchte ich mehr Zeit, als der Vormittag dauert. Ich weiß weder, ob ich den Text mag, noch ob er wirklich gut ist, habe aber trotzdem das starke Bedürfnis, ihn gegen jede despektierliche Bemerkung zu verteidigen.

Twitter-Stimmungsbild:

Jury: Mangold hat gehofft, als letzter dranzukommen, damit ihm seine Kollegen den Text erklären. Außerdem fallen noch Schlagwörter wie “narzisstische Allmachtsphilosophie”, und Fleischanderl und Spinnen sind einig über die Musikalität des Textes. Jandl (hat eingeladen) liest eine Erfindung der Wirklichkeit. Ich brauch mehr Kaffee. Spinnen bringt dann noch ein Plädoyer (“für die, die mitschreiben”), ein selten werdendes Genre nicht mit einem einzelnen Text zu verwechseln.

Katharina Born, der Text hat zu viele Menschen, zu viele selbstverständliche Adjektive, zu viele Romanheftl-Momente. Wir sind wohl irgendwie in den 60ern? 70ern? Es geht um Leute, die man kennen müsste (?). Künstler, Nazis, . Und zum Schluss eine Schwangerschaft. Gähn.

Jury: Sulzer findet den realistischen Anspruch nicht erfüllt; Feßmann versteht Sulzers Problem mit den Hunden nicht, findet den Text unheimlich beweglich un einen erotischen Unterton (ich nicht. Jandl auch nicht). Keller überinterpretiert den Titel. Spinnen holt weit aus und kommt dann doch auf keinen Punkt, aber das tut er immerhin sehr amüsant. Mangold hat eingeladen und redet sich für mich endgültig ins Abseits. Viel Unsinn. Spinnen “Dezent ist etwas für Inneneinrichtungen”. Das passt.


Bei Caterina Satanik fängt die Geschichte mit einem Hund an. Der ist dann weg, der Mann auch. Rückblick Hund, Mann, Strand, gedachte Zärtlichkeiten, Numerologie und Lebensbaum. Beziehungskiste mit Hund. Hm.

Jury: Feßmann vermeint eine Nähe zu Lasker-Schüler zu bermerken. Mangold sieht den Text wegen seiner Leichtigkeit auf den vorderen Plätzen. Jandl findet die Aussage, dass Heimwerkerei nichts anderes ist, als fehlgeleitete Zärtlichkeit. Sulzer meint, dem Mann aus dem Text gestern begegnet zu sein. Es war der Taxifahrer. Keller findet den Text liebenswert und die Austriazismen putzig. Spinnen glaubt Fleischanderl nicht, dass es eine normale österreichische Umgangssprache ist.

Das war’s.  Ich schwanke zwischen Erleichterung, dass es vorbei ist, und einem ungläubigen “war das alles?”.

Abstimmen für den Publikumspreis (15-20 Uhr)
Die anderen Teile meiner “Live-Bloggerei”
Linksammlung Bachmannpreis 2009

Bachmannpreis 2009 Livegebloggt Teil 4

26. Juni 2009, 13:11 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2009

Jens Petersen, Schweiz, Arzt. Text düster, von Anfang an, eine Nana im Leichenhemd, ein humpelnder Hund mit schwarzer Wunde, Spritzen, Pillen. Gelesen mit passend leidender Stimme. Strommasten, in Totenstarre verfallen. hm. Krankheit, Kälte, Armut und Verfall, Euthanasie. Wenn das so weitergeht, brauch ich noch einen Schnaps mitten am Tag. Der Schluss unendlich lang und langweilig. Möglicherweise ein Männertext. Cowboy-Atmosphäre, muss tun was ein Mann tun muss. Oder so.

Jury: Feßmann ist zwiespältig. Sulzer lobt das Präsens als willkommene Präsenz. Fleischanderl sieht Gefahren im Thema, findet aber die Umsetzung gelungen. Mangold hat den Text nicht verstanden, aber es stört ihn nicht. Spinnen sieht einen Doppelselbstmord, obwohl der Protagonist nicht tot ist, weil er “längst Teil ihres Körpers geworden ist”. Eiskalte Schauer gar. Jandl ist auch gespalten zwischen großartig und Kitsch. Keller sieht einen lichtlosen Raum und vermisst Gefühle. Stadler mischt sich schon wieder völlig unsinnig ein. Die Diskussion driftet vom Text ab. Spinnen maßregelt (endlich!) sanft die Moderatorin.

Andreas Schäfer, Berlin. Der Text beginnt morgens. Jemand ist verklärt worden, Lothar wandte sich um, eine Angewohnheit aus Pilotentagen, der Schnappschuss vor der vielleicht letzten Reise. Hm. Airliner-Pilotenleben? - Nicht wirklich. Toter Sohn. Pilotenvater verliert den Halt im Leben und das letzte bisschen Verbindung zu den Kollegen. Alkoholexzesse in exotischen Locations. Job verloren.

Jury: Keller findet den Text stark. Fleischanderl findet den Text fehlerfrei aber auch spannungsfrei. Feßmann sieht “ein gutes Männerportrait” (welches Portrait?). Sulzer (hat eingeladen) erfährt etwas über einen Beruf, über den er noch nichts weiß (dass es ein Cockpit gibt, in dem es manchmal heiß ist?). Er findet die Originalität der Sprache darin, dass sich der Autor nicht um Originalität bemüht. Spinnen weiß nach 12 Seiten noch nicht genug, weil er (der text?) sich zurückhält. Insgesamt wird mehr über den letzten Text gesprochen als über diesen. Mangold meint, der Erzählung gelingt alles, was sie sich vornimmt, aber es fehlt etwas Wildes.

Das war der zweite Tag.

Die anderen Teile meiner “Live-Bloggerei”
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Bachmannpreis 2009 Livegebloggt Teil 3

26. Juni 2009, 10:32 - Buch und Literatur · Bachmannpreis 2009

Der zweite Tag. Linda Stift läuft im Videoportrait durch alle denkbaren Labyrinthe und liest dann einen Text über das Nach-Europa-Flüchten. Weiß nicht, ob meine Ratlosigkeit am Text liegt oder an der Müdigkeit.

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Mangold findet den Text ärgerlich und fühlt sich auf unlautere Weise unter Druck gesetzt. Jandl findet die Erpressbarkeit eine schöne Leistung der Literatur. Für Feßmann funktioniert das “wir” nicht. Sie meint, die Autorin müsste sich entscheiden, zB zwischen verfolgungs- und wirtschaftsflüchtlingen (finde ich nicht, das ist ja die idee des Textes, sich eben nicht zu entscheiden. Ob gelungen, sei dahingestellt.). Fleischanderl findet die Qualität des Textes in der Diskrepanz zwischen der erbärmlichen Realität und den erhabenen “wir” und verteidigt gekonnt gegen Mangolds Geschwurbel. Die Diskussion wird erstmals richtig lebhaft.

Ralf Bönt. Anruf bringt mich um Videoportrait und die ersten 5 Minuten. Autor liest im Stehen und hat eine angenehme Stimme. Ich mag aber keine historisierenden Physik-Texte mit menschlicher Note. “Ich fühle mich in historische Persönlichkeiten ein”. Sprachlich ist er gut, der Text. Aber er interessiert mich einfach nicht.

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Jury: Keller hat einen Kamikaze des Erzählens gehört und findet die Wahl des Photons als ich originell. Jandl ist vom Drehschwindel des Textes ergriffen und findet ihn, sprachlich misslungen. Fleischanderl auch, sie drückt es unerwartet blumig aus. Feßmann hat eingeladen und verteidigt. Mangold ist beeindruckt. Spinnen erklärt erst einmal, worum es geht. Sulzer (?) findet einen Rechenfehler. Der Autor erklärt Photone. Jandl findet unerträglich aufgebrezelte Sprache. Mangold verteidigt die Sprache. Szenenapplaus. Die Moderatorin quatscht zu viel.

Karl-Gustav Ruch, Schweizer. Bunte Nachbarschaftsgeschichte, leicht und luftig, gefällt mir, trotz ein paar Phrasenausreißern. Gegen Ende hin ein bisschen viel Immigranten und Araber. Schöner Schluss.

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Jury: Sulzer findet, Musikbeschreibungen im Text sind nicht akzeptabel. Spinnen fängt mit einem Tatort-Vergleich an und sieht das “Geräusch ohne Geschichte” als Leerstelle, die eher nicht aufgeklärt hätte werden sollen. Daher Text nicht gelungen. Feßmann findet die Sache mit der Wand sehr schön und erinnert sich an Günther Eich. Keller sieht das Gebäude als “Gesamthotel Welt”, hätte aber ein bisschen gekürzt. Mangold sieht nur Abziehbilder und nennt den Text Trivialliteratur. Jandl hat eine Kammeroper gehört und zieht den Vergleich zu Platos Höhle. Er findet die literarische Hürde nicht hoch, aber weit übersprungen.

Klagenfurt diskutiert über den Kopierschutz. Ich geh duschen.

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