Andrea Sturm

Chronistisch

Unwettertourismus mit der österreichischen Bundesbahn

24. Juli 2009, 12:04 - Chronistisch

Als ich gestern Abends um 6 in München in den Zug Richtung Salzburg stieg, dachte ich, der Tag wär so gut wie vorbei. Erst noch der etwas mühsame Bummelzug nach Salzburg, dann der Eurocity, der traditionell eher nur halbvoll ist und daher gemütlich. Nach Mobilfunkgrenzüberschreitung noch ein paar Mails beantworten, danach lesen oder Musik hören, je nach Müdigkeitszustand, bis Wien, dann das wohlverdiente Bett. 5 Uhr (früh) bis 23:30 ist irgendwie doch recht lang für einen Ausflug. 

Wenige Kilometer nach München verfiel der Zug in Schleichgang und schlich noch ein Stückchen weiter bis zu einem Full Stop. Ich biss seufzend in mein labbriges Mozzarella-Sandwich (von der jämmerlichen Verpflegung auf internationalen Routen muss ich wohl irgendwann gesondert berichten) und folgte eher desinteressiert den Berichten der Zugbegleiterin mit dem nicht ganz zuordenbaren Dialekt. Irgendwas mit einem schweren Gewitter und Stromausfall. Na dann. Wir sammelten im Stopp&Go knapp 25 Minuten Verspätung, die Dame mit dem Käppchen war am Zugtelefon überdurchschnittlich bemüht, jeden Anschlusszug entweder aufzuhalten oder für adäquate Ersatz-Information zu sorgen. So kam es auch, dass der 20:08er ab Salzburg Richtung Wien West brav auf uns wartete, was allerdings in Salzburg einen Sprint durch den Bahnhof bedeutete.

Nun hab ich grundsätzlich nix gegen einen kleinen Bahnhofslauf, was ich dagegen hatte, war immer noch heftiger Hunger (der Tag hatte bis zum labbrigen Sandwich vorhin gerade mal ein Frühstückskipferl um 8 Uhr gebracht). Weil der EC nach Wien zur besten Abendessenszeit allerdings keinen Speisewagen an Bord hat, sind die 19 planmäßigen Minuten Aufenthalt in Salzburg die einzige Möglichkeit, sich im Laufschritt wenigstens einen schnellen Burger zu besorgen. Und diese 19 Minuten, die fielen jetzt weg. Ich überlegte, laufend, ernsthaft, das Laufen sein zu lassen und stattdessen in Salzburg nett Essen zu gehen. Der 21:35er von Salzburg nach Wien, der ist nämlich ein Intercity, was bedeutet, dass die Ankunftszeit in Wien nur eine knappe Dreiviertelstunde später liegt als beim 20:08er, obwohl man in Salzburg 90 Minuten Aufenthalt gewinnt. (Ich schreib diesen Eintrag ja nur, um mit meinen Fahrplankenntnissen zu protzen.)

Mit meinen Sprint-Fähigkeiten hatte ich gegenüber langsameren Anschlussreisenden zwei Minuten gewonnen, die ich vor dem Zug für eine schnelle Denk-Zigarette nutzte. Dann stieg ich doch ein und verlagerte meine kulinarischen Hoffnungen auf Wien, wo mich der Herr Sufi abholen wollte.

Zu dem Zeitpunkt war es in Salzburg übrigens zwar wolkig, aber noch drückend heiß.

Gewölk, beeindruckend

Im Abteil wars finster und gemütlich. Irgendwo hinter Vöcklabruck, in der mobilfunktechnisch behinderten Zone, begann es draußen zu regnen. Blitze zuckten. Ich wechselte angesichts eines asozialen Abteilmitbewohners, der ungefragt das Deckenlicht auf volle Leistung geschalten hatte (“Muss das sein?” - “Ja.”) das Abteil und fand eins für mich allein. Allerdings nur bis zu einem weiteren der Bummelbahnhöfe, an denen der abendliche Eurocity zwischen Salzburg und Linz unerklärlicher Weise stehen bleibt. Dort fand die herrliche Ruhe ihr jähes Ende durch drei Mädels, die die Zugfahrt nutzten, um sich auf ihrem iBook einen Film anzuschauen. “Chocolat”, glaube ich. Ich überlegte einen weiteren Abteilwechsel, ließ es aber angesichts der ansonsten durchaus gemütlichen Haltung der drei bleiben und pflopfte mir stattdessen die Kopfhörer ins Ohr. Das Mobilfunkdatennetz glänzte mit beharrlicher Abwesenheit, und ich versuchte, stattdessen ein bisschen Schlaf nachzuholen. “White Noise” am iPhone eignet sich hervorragend, um Umgebungslärm auszusperren, ich empfehle die Flugzeug-Geräusche.

Nun schlafe hervorragend im Zug, wie ich gerne erzähle, aber das gilt für fahrende Züge. Unserer blieb stehen. Ich blinzelte abwechselnd zu den Blitzen nach draußen und zum bunten Bildschirm innen und fragte mich, ob so ein Waggon eigentlich auch ein Faradayscher Käfig ist. Wär schad gewesen um den schönen Mac. Zwischendurch erfuhren wir, dass wir den ungeplanten Aufenthalt einem Stromausfall im Stellwerk St.Valentin zu verdanken hatten, und hörten über diverse Mobilfunktelefonate die ersten Katastrophenmeldungen aus der Außenwelt. Faustgroße Hagelkörner in Salzburg. Nicht ganz so große in Wien, dafür wasserfallartiger Regen. Ich dachte an die unzuverlässigen Regenrinnen an meinem Haus und hoffte das Beste. Derweil fuhr der Zug immer Mal wieder im Schritttempo ein paar Kilometer und blieb dann wieder stehen. Im Nebenabteil hatte einer die ZiB 2 am Computer, Armin Wolf erzählte scheinbar korrekt gekleidet etwas vom heißesten Tag des Jahres, während kalter Regen auf uns herunterprasselte und die immer noch laufende Klimaanlage im Zug für erstes Frösteln sorgte. Der Buffetwagen kam durch. Die Sandwiches sahen noch labbriger aus als vorher. Bier war aus. Ich nuckelte an meiner Mineralwasserflasche.

Mit 40 Minuten Verspätung rollten wir schließlich weiter. Der Schaffner kam durch und fragte jeden nach seiner endgültigen Destination. Etwas später die Lautsprecherdurchsage, dass wir an ein paar kleineren Bahnhöfen halten würden, um Fahrgäste mit verpassten Anschlüssen aussteigen zu lassen. Ich fand die Lösung bewundernswert praktisch und unbürokratisch. Auf ein paar Minuten mehr kams zu dem Zeitpunkt auch nicht mehr an.

Hinter Linz fand der Eurocity zu seiner gewohnten Geschwindigkeit zurück. Draußen weiterhin Regen und Blitze. Ich zog mir das Tuch vors Gesicht und döste im White Noise. Bis St. Pölten blieb die Zugwelt in Ordnung. Schläfrig blinzelte ich auf die Uhr, die die planmäßige Wiener Ankunftszeit zeigte. Ein Stündchen noch. Oder so.

Ich war gerade dabei, richtig wegzuschlummern, als wir wieder stehen blieben. Ich versuchte beharrlich, einen stehenden Zug ebenso gemütlich zu finden wie einen fahrenden. Eine halbe Stunde später gab ich auf. Es war kurz vor zwölf. Durchs Fenster schimmerte das Bahnhofsschild von Kirchstetten. Der Zug war voller schlafender und schläfriger Menschen. Ich suchte nach dem Mann mit dem Buffetwagen und fand den Wagen neben einer offenen Zugtür, davor Schaffner, Buffetwagenbetreuer mit einem American-Football-Spieler und einem weiteren Passagier. Rauchend. Ich rauchte mit und erfuhr dabei, dass der Stromausfall zwischen Eichgraben und Rekawinkel so komplett und allumfassend war, dass es derzeit nicht einmal genaue Informationen darüber gab. Die Mobilfunkstationen waren mit ausgefallen.

Die Luft war angenehm frisch, die Zugoffiziellen konferierten mit dem Bahnhofsmenschen von Kirchstetten, wir unterhielten uns über Football und Fernsehserien und rauchten, so lange noch einer Zigaretten hatte. Nach und nach fanden weitere Mitreisende die offene Tür. Es war ein bisschen wie in einem Katastrophenfilm, in dem man vor der Katastrophe nach und nach alle Mitwirkenden kennenlernt. Ich hoffte auf das Ausbleiben der Katastrophe.

Zug steht.

Vor uns, so hieß es, stünden noch zwei Züge, hinter uns bereits sieben. Ich war froh, dass wir im Bahnhof standen und nicht auf der Strecke. Einer verlangte nach Schienenersatzverkehr, eine nach Gratisverpflegung zur Entschädigung (“Besorgen Sie halt was, das muss schon drin sein!” - mitten in der Nacht, in Kirchstetten. Viel Glück.). Der Strom sollte bald wieder da sein, meinte der Schaffner, falls nicht, würde würde bereits ein Busverkehr geplant, allerdings, mit 10 stehenden Zügen sei unklar, wann unserer dran sei. Die Reisenden, die um 5 Uhr früh ein Flugzeug nach Mexiko besteigen wollten, verloren als erste die Nerven und bestellten ein Taxi aus St. Pölten. Weitere zwei, darunter die indignierte Dame, organisierten einen Privattransport. Beides ließ auf sich warten. Unser kleines Grüppchen plauderte, rauchte und lachte viel, nicht ganz ohne lästern. Wir schlossen Wetten ab, ob zuerst die bestellten Autos kommen oder der Zug sich bewegen würde. Die auf den Zug gesetzt hatten, verloren. Der Schaffner hatte als letzter noch Zigaretten und verteilte großzügig seinen Privatvorrat. Einbrüche ins längst geschlossene Bahnhofscafe wurden erwogen. Ich dachte daran, trotz nachmitternächtlicher Stunde den nahe wohneneden Dorian anzurufen. Mit einer Palette Bier, in seiner Speisekammer vermutlich vorhanden, hätte er zu dem Zeitpunkt in kurzer Zeit ein Vermögen machen können, wie den Gesprächen der Mitreisenden zu entnehmen war.

Die Nachrichten, dass der erste Zug jetzt auf Busse umgestiegen war, und dass der Strom wiederhergestellt, die Weichenstell-Computer aber noch leidend wären, kamen zur gleichen Zeit. Wieder wurden Wetten abgeschlossen: Bus oder Zug? Ich hoffte auf den Zug. Auf einen engsitzigen Bus hatte ich wirklich gar keine Lust. Den Witzchen ging langsam die Luft aus. Ich fand ein verlassenes Abteil für mich allein und versuchte es nochmals mit Dösen. Mittlerweile wäre wohl auch ein stehender Zug bequem genug gewesen, aber meine Neugier war wacher als der Rest von mir. Ich stieg wieder aus und hoffte gegen besseres Wissen, dass irgendjemand vielleicht doch noch Zigaretten… Da kam der Bahnhofsvorstand mit wehenden Armen aus seinem Kämmerchen: Es geht weiter! Ich schaute auf die Uhr: 2 vorbei.

Draußen hörte ich den Schaffner fröhlich Abfahrt pfeifen, während ich mich in die Polster kuschelte. Eine halbe Stunde Schlaf war besser als gar kein Schlaf. Noch einmal blieben wir stehen, offenbar um Gegenverkehr vorbeizulassen, Das nächste, was ich hörte, war ein forsches “Ausstieg: Links!”. Ich erblinzelte Hütteldorf. Noch 5 Minuten bis nach Hause, eine bahnoffizielle Entschuldigung über die Lautsprecher, Ankunft Westbahnhof: Punkt 3 Uhr früh.

Taxistand leer, und obwohl ich die erste war, die der Zentrale von einem frisch eingetroffenen Zug voller taxibedürftiger Menschen am Westbahnhof erzählte, hielt ich mich aus den Kämpfen raus, die um die ersten eintreffenden Wagen ausbrachen. Ich war sicher, dass es Wien definitiv genug Taxis gibt, auch um 3 Uhr früh, da braucht man keine Fäuste zu schütteln, ein Daumen genügt. Eine halbe Stunde später war ich folgerichtig zu Hause. Der Fahrer erzählte von Hagel, von umgestürzten Bäumen, von einer Sichtweite von unter 5m und von einer gesperrten Ringstraße. Zum Glück nur für eine Viertelstunde, wie er sagte. Der Baustelle vorm Haus hatte es Container und Absperrung umgeworfen, meiner Wohnung ging es zum Glück gut. Nur etwas fiebrig war sie. 38,5°. Was mit offenen Fenstern schnell behoben und meinem Schlaf dann auch egal war.

Baustelle, beeinträchtigt

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Wetterbericht

14. Juli 2009, 08:41 - Chronistisch

Mitte Juli ist es, und erst einmal in diesem Sommer war es so heiß, dass ich mein Hochbett-Refugium schlaftechnisch verlassen habe. Muss ich jetzt trotz chronischen Zeitmangels einmal anmerken, sonst steht ja in späteren Jahren nirgends, wie kalt und nass dieser Sommer bisher war. (Jetzt soll es aber endlich heiß werden.) (Ist ja klar, dass ich ausgerechnet in einem Frost-Sommer eine Finnlandreise plane. *grml*)

Ansonsten nichts Neues, außer Arbeit, und das ist nicht neu. Kurz dachte ich zwar gestern Abend, Österreich hätte eine medizinische Sensation zu bieten: “Ham’s scho gheat, der Lauda ist schwanger mit Zwülling!” schmetterte mir mein Trafikant entgegen. - Weitere Nachfrage ergab allerdings, dass es sich um eine ganz konventionelle Schwangerschaft von Niki Laudas Ehefrau handelt. Zugetraut hätt ich’s ihm schon.

Bergab

09. Mai 2009, 01:26 - Chronistisch

Friendfeed ist down, Twitter ist down, und ich leg mich auch gleich nieder.

Sonnengefoppt

13. März 2009, 21:59 - Chronistisch

Die neue Pete Doherty hört sich angenehm sehnsüchtig nach Vorfrühling an, und von irgendeiner Nebenwohnung kommt ein Hauch von Schokoladekuchen, grade gebacken werdendem Schokoladekuchen nämlich. Mhm. Es ist angenehm warm hier, trotzdem hab ich grad 3x geniest. Ich hätt mich halt heut mittag nicht von der Sonne foppen lassen sollen, die zwinkernd zu einer Fototour lockte. Kaum war ich vor der Tür, schüttete es wie aus Eimern, gefolgt von einer Graupelschauerei. Ich stellte mich unter, schon lockte sie wieder. Ich raus, schon schauerte es. Gegen Richtung Karlsplatz dann Donnergrollen, ich flüchtete in ein Buchgeschäft, grabbelte in der Grabbelkiste, die noch Schilling-Ausgepreiste Exemplare enthielt, draußen lockte foppte schon wieder die Sonne, ich um 4 Euro ärmer aber um 4 Bücher reicher machte ein paar Wolken-Kontrastfotos und stand schon wieder in einem Regenguss, der so schnell hereinbrach, dass ich die Kamera kaum rechtzeitig unter die Jacke gekriegt hätte. Ich huschte von Dach zu Dach und wurde, außerhalb der Regenjackengebiete, doch ganz schön nass. Ein Grieche bot sich als Unterschlupf an, vielleicht gar ein liederliches Glas Retsina mitten am Tage? - Dagegen sprach nicht nur die widerliche Synthpop-Musik aus dem halboffenen Fenster, sondern auch die verhärmten Gesichter der Gäste und Gästinnen. Ich floh durch einen weiteren Graupelschauer, zog zum Trocknen sogar Starbucks in Betracht, doch als ich unter dem Vordach ein Zigarettchen rauchte, wehte eine vielköpfige Wolke von billigem Parfüm und arroganter Schnöseligkeit an mir vorbei ins Warme, das also auch nicht. Im übrigen blinzelte da ja bereits wieder, na? - Die Fopp-Sonne zwischen den Wolken hervor. Also noch ein Versuch zur Fotojagd, langsam die Richtung wieder auf Hause drehen, denn viel mehr als eine Stunde Frei-Zeit konnte ich mir eh nicht erlauben. Das hinterhältige Biestgestirn wartete mit dem nächsten Versteckspiel, bis ich weit von jedem schützenden Vordach entfernt war. Dann überließ es den Himmel den Wasserfällen. Am Künstlerhauscafe wäre ich beinah vorbeigeschemmt worden, erreichte aber dann doch die Tür. Einen Kaffee und ein paar Seiten Bücherbeute später (Manhattan fliegt lässt sich schön absurd an, am Nebentisch raucht eine alte Dame (mit Hut! Und Spitzenhandschuhen!) ihre Zigarette mit elfenbeinfarbigem Zigarettenspitz, während sie ihren Freundinnen von ihrem Urlaub in Südafrika erzählt, und der einzige, der grantig schaut, ist der Kellner. Dann aber ist es höchste Zeit, wieder an die Arbeit zu denken; am Karlsplatz noch spielt einer auf einer schwer verstimmten Gitarre, die Stimme dazu aber sauber und kräftig, “Wish you were here” in Endlosschleife, an wen er wohl denken mag dabei, und ein paar Kids stolpern über ihre Skateboards. Und die Sonne scheint auch noch ein Stück.

Vielleicht wird’s ja doch noch Frühling. Irgendwann.

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Wasser, die zweite (kurz)

24. Februar 2009, 11:36 - Chronistisch

Der Experte kam dann gestern doch noch. Er wackelte an der Rinne, trat kräftig dagegen, bat anschließend um einen Kübel Wasser, den er hineinkippte. In der Tat, mein Provisorium hielt dicht. In ein paar Tagen würde man dann…  Draußen regnete es nur leicht. Es sah alles ganz positiv aus. Gestern.

Heute weckten mich Schritte über mir und Aufregung vor der Wohnungstür. Er hätte vielleicht nicht ganz so kräftig treten sollen, gestern. Es war die nächste Schweißnaht, 5 Meter weiter, die tropfte. Jetzt hat das ganze Stockwerk was davon, das neue Leck ist draußen auf dem Gang. Zielsicher überm Sicherungskasten. Der schwimmt.

Mehr vielleicht demnächst. Die Zeit im Internetcafe ist knapp.

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Wasser und doch kein Wasser

23. Februar 2009, 22:57 - Chronistisch

Nein, hier geht es nicht um die noch immer nur notdürftig vollendete Geschichte, deren Aufhänger seit der Hudson-Geschichte leider schief hängt, sodass mir irgendwie der Antrieb zum Weitermachen fehlt. Hier geht es vielmehr um die Laute, die mich heute um halb fünf Uhr früh aus dem Schlaf knacksten. Geborgen in meinem Traum aus Meeresstrand und Hängematte fand ich das Geräusch zuerst vor allem verwunderlich, dann in seiner Beharrlichkeit etwas lästig, dann wachte ich auf. Es knackste weiter.

Leicht schlaftrunken, mit der funzelnden Nachttischlampe und meinen Brillen, die mich bei weitem nicht so scharfäugig machen wie die Kontaktlinsen, konnte ich erst einmal keinen Verursacher feststellen. Es war ein Knacksen wie von altem Holz, das sich über eine Temperaturschwankung beschwert, aber - naja - nicht richtig regelmäßig, nur eben immer wieder. Ich kletterte aus meinem warmen Schlafnest, um mich mit dem Ohr anzunähern, näherte mich so immer mehr dem Schreibtisch, bis mir…

ein eiskalter Wassertropfen ins andere Ohr platschte. Der Blick fuhr nach oben und entdeckte den Ursprung des Geräusches in einem nassen Fleck an der Decke, der seine Nässe tröpfchenweise an den Holzboden weitergab. Was ich dabei dachte, möchte ich schriftlich lieber nicht wiedergeben, aber ich dachte einen Moment zu lang und kriegte den nächsten Tropfen mitten ins Gesicht.

Es tropfte ca. einen halben Meter neben Monitor und Computer und einen halben halben neben Steckdose und Modem. Noch ein Glück… (siehe Tante Jolesch). In einem für die Uhrzeit geradezu heroischen Logistikeinsatz brachte ich alles Elektronisch/Elektrische aus dem Gefahrenbereich,  bis auf die Steckdose, die blieb, wo sie war; stellte dann einen Eimer unter und legte einen alten Teppich hin, für alle Spritz-Fälle.

Nächste Station Hausmeister. Ich hatte mich auf ein langes Klingelnmüssen eingestellt, stattdessen dauerte es nur eine halbe Minute, bis die Frau im Schlafrock und Plüschpantoffeln die Tür öffnete. Köstlicher Kaffeeduft verbreitete einen Augenblick lang die Illusion von morgendlichem Frieden. Ich zerstörte sie durch die Schilderung der Nass-Lage und erhielt eine eiskalte Antwort. “Musst du Hausverwaltung anrufen um 9 Uhr.” - “Solange kann ich nicht warten!” - “Kann nichts machen.”

Es war offenbar Zeit für einen kalkulierten hysterischen Anfall. Sie bedauerte die Krankheit ihres Mannes, die es ihm unmöglich macht, in den vierten Stock zu steigen, ich schilderte bunt mein wegschwimmendes Büro. Sie zuckte die Schultern und hätte gerne die Tür zugemacht, aber da war mein Fuß im Weg. “Was soll machen?” - Ich bettelte um den Dachbodenschlüssel, von dem ich weiß, dass sie ihn aus absurden Feuerschutzgründen nicht hergeben darf, sie beharrte auf Hausverwaltung und neun Uhr, ich drohte mit der Feuerwehr, (die die Hausverwaltung bezahlen müsste, die dann zweifellos den Hausmeister zur Schnecke machen würde), sie konferierte in slawisch mit ihrem Mann und wiederholte dazwischen stur: “Hausverwaltung”, ich zückte das Telefon und wiederholte ebenso stur “Feuerwehr”. Beim zweiten Tastendruck gab sie auf: “Warte Du!” - und rief stattdessen ihren Sohn an. “Kommt.”

Der erste Fotoblick…Ich lief wieder nach oben. Zu fragen, warum der Sohn den Schlüssel haben kann, ich aber nicht, oder warum man um das, wofür der Hausmeister ohnehin zuständig ist, erstmal betteln muss, hätte höchstens philosophischen Wert gehabt, und für Philosophie war es eindeutig zu früh. Stattdessen vermerkte ich ein Wachsen der feuchten Stelle von “knapp handtellergroß” auf “gut doppelt handtellergroß” sowie eine zweite Tropf-Stelle. Ich hab aber keinen zweiten Eimer. Ein Kochtopf musste herhalten. Sonst konnte ich nichts tun, rollte mir eine Zigarette, legte die Füße auf den Schreibtisch und betrachtete rauchend meine weinende Decke.

Der Sohn kam zwanzig Minuten später, überraschend freundlich für seine sonst eher poltrige Art, aber mit leeren Händen. Einen kleinen Werkzeugkasten hätte man vielleicht schon brauchen können? - Naja, Hauptsache die Dachbodentür geht einmal auf. Problembegutachtung. Die Dachbodenrinne hatte ein Loch. An einer Schweißnaht. Da plätscherte nun fröhlich Tau- und Regenwasser auf den Dachboden-Boden, bildete einen kleinen See an der tiefsten Stelle und tropfte von dort zielsicher in mein Büro. 

Jetzt war es der Sohn, der bedauernd mitteilte, nichts machen zu können. Er hätte eine verstopfte Rinne erwartet und diese säubern wollen, aber so… 9 Uhr. Hausverwaltung. Hausverwaltung ruft Spengler. Das war angesichts der Ausbreitungsgeschwindigkeit keine Option; ich hab nur 2 Töpfe. Eine Plastikplane oben auflegen vielleicht? Das würde zwar das Problem nur verlagern… Ich fand keine Plastikplane, dafür aber eine Tube Silikon. Mit dessen Hilfe und einem kleinen Holzpflock war die Rinne erstmal dicht. Ich tunkte noch den See auf, so gut es ging, doch unten tropfte es natürlich weiter. An Schlaf - plop - ploplop - war nicht - plop - zu denken - ploplop.

Ich saß also wieder am computerlosen Schreibtisch und fragte mich, wie weit sich die Feuchtigkeit noch ausbreiten würde, bevor der oben bereits eingesickerte Rest durch war. Der Fleck war an einer Seite an die Wand gestoßen und kroch dort hinterhältig abwärts. Ich rauchte noch eine, sinnierte über mein Glück in letzter Zeit, hörte ein leises Klack zwischen den lauten Plops und saß im Dunkeln. Äh? - Eine Stromleitung in dieser Wand? Noch dazu so weit oben? Das war mir neu.

Es war der Hauptschalter, und mein zögerliches Einschalten ließ ihn sofort wieder fallen. Mittlerweile war es halb sieben, und mein Aufrege-Potential erschöpft. Ich platzierte strategisch meine Taschenlampen und räumte noch ein bisschen Zeugs hin und her. Gegen sieben machte sich wie immer der Elektriker-Nachbar auf den Weg zur Arbeit, ich fing ihn ab und fragte um Rat. Der lautete: Warten bis es trocken ist, dann schauen. Etwa um die Zeit hörte zumindest das Tropfen auf.

Ich rauchte noch eine. Im langsam heller werdenden Finstern. Wer weiß, wie lange die Taschenlampenbatterien halten. Dann fiel mir ein, dass der Zimmerstromkreis ja ein eigener ist, und tatsächlich, nach deaktivieren desselben blieb der Hauptschalter oben. Warmwasser gerettet, Zimmer-Grundversorgung mit Verlängerungskabel sichergestellt.

Und da es endlich auch tropf-still war, legte ich mich im Sinne besserer Tages-Performance doch nochmal ein Stündchen hin. Dachte ich. Wurde aber nach 10 Minuten durch ein heftiges Klopfen an der Tür aus dem nichtganz-Halbschlaf aufgeschreckt.

Es war der Installateur, aber der falsche. Von Dachbodenschlüsseln und Regenrinnenn wusste er nämlich nichts. Er wollte stattdessen den Kloschlüssel, weil ein Spülkasten ausgetauscht werden müsse. Das Wasser müsste er dazu auch abstellen, eine halbe Stunde etwa. Ich schaute auf die Uhr. 7:24. Die halbe Stunde wollte ich ohnehin noch dösen.

Tatsächlich schlief ich stattdessen recht gut ein, hatte offenbar den Wecker falsch umgestellt und erwachte etwas ausgeruhter um halb zehn. Tappte in die Küche, um Kaffee zu machen. Der Wasserhahn röchelte leise, es klang beinah bedauernd. Draußen am Gang ein schulterzuckender Installateur. Man habe nicht damit gerechnet, dass noch so alte Rohre… Anschlussstück… schon unterwegs… halbe Stunde… höchstens…

Ich murmelte unanständige Flüche, fand aber dann Wasser von gestern im Wasserkocher. Im Grunde lässt sich alles überstehen, solange eine heiße Kaffeetasse vor der Nase dampft. Meine Tasse dampfte.

Es dauerte dann noch bis kurz nach zwei, bevor es wieder frisches Wasser gab. Mittlerweile hatte ich mit der Hausverwaltung und mit dem Regenrinnen-Installateur telefoniert. Der kann aber erst morgen kommen. Sagte er. Ich hätte wohl nicht erwähnen sollen, dass es momentan nicht tropfte. Bei strahlendem Sonnenschein. Das derzeitige Nicht-Tropfen sei ein klarer Beweis dafür, dass das Provisurium hält. Bei strahlendem Sonnenschein.

Für die Nacht ist weiterer starker Regen angekündigt.Gut’Nacht allseits.

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Es reicht jetzt dann langsam mit dem Schnee*

23. Februar 2009, 00:36 - Chronistisch · Fotografisch

Schneestadt, nachts

Fluchtweg

* alte Wortwerkstatt-Tradition

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Analoges Schreibgerät

04. Februar 2009, 00:02 - Chronistisch

Wie ja hier schon angemerkt, gehört bei mir zu den digitalen auch noch ein analoges Notizgerät in die Tasche - und diesbezüglich bin ich nicht ganz ohne Ansprüche. Als sich die Speicherkapazität des letzten Büchleins dem Ende zu neigte, wurde ich langsam nervös. Zwar gibt es allenthalben Moleskins (zu dünn, zu biegsam) und Kinder- Studenten- und Tagebücher (zu bunt, ohne Gummiverschluss, zu groß) - es sah gar nicht gut aus. Aber heute, gerade noch 4 Seiten vor dem bitteren Ende des Vorgängers, bin ich fündig geworden.

Hier ist es. 300 hochqualitative Seiten. Schwarzer Leinen-Einband mit verlässlichem Gummiband. Eine Weltkarte im Inneneinband (zu klein, um für irgendwas nützlich zu sein, aber schön anzusehen). Und ganz hinten, ich konnte es kaum glauben: Ein kleiner Umschlag zur Aufbewahrung von Einzelzetteln. Bisher habe ich immer eigenhändig ein halbes Kuvert in den Rückeinband geklebt… Es ist doch schön, wenn andere mitdenken.

Der Bleistift muss einem Kugelschreiber weichen, da bin ich unerbittlich. Aber sonst: Einfach perfekt. (Vielleicht verzichte ich angesichts des haptisch wertvollen Einbands sogar auf meine geliebten Erinnerungs-Abziehbilder).

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FYI: Ich lebe

15. Januar 2009, 00:06 - Chronistisch

Für mehr ist grad keine Zeit. (Zeichenmäßig hätt ich das auch twittern können, aber ich wollt’s den Web 1.0ern auch mitteilen.)

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Auf ein Neues!

31. Dezember 2008, 20:09 - Chronistisch

Auf ein Neues!

Dass uns die gebratenen Tauben in den Mund fliegen und die Hunderter nur so auf uns herabregnen werden, kann ich natürlich nicht versprechen - sicher aber ist, dass es auch in den nächsten 365 Tagen wieder rund gehen wird!


In diesem Sinne: Ich wünsche Euch von allem das Beste - Glück, Gesundheit und Reichtum trotz gegenläufiger Tendenz (und mir wünsch ich das natürlich auch. :) )!

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