Andrea Sturm

Chronistisch

Ein wunderbares 2012 wünsche ich uns allen!

31. Dezember 2011, 19:11 - Chronistisch

Kaum hält man es für möglich und doch ist es schon wieder so weit. Das alte Jahr neigt sich dem Ende zu und ein neues scharrt in den Startlöchern. Höchste Zeit, einander noch einmal unter Einbezug aller denkbaren Laster zuzuprosten!

Ganz ehrlich: Das, was ich mir für 2011 vorgenommen hatte - mehr Kontakt, mehr Kommunikation, mehr oder weniger schmutzige Lieder bei ein bisschen mehr Kaffee und viel mehr Wein, das hat leider nicht so ganz geklappt. Aber wir sind ja alle hier auf der Welt, um zu lernen - und deshalb nehme ich mir für 2012 gleich noch einmal dasselbe vor - und wenn wir schon dabei sind: Mehr davon!

Wer Lust hat, einen Blick darauf zu werfen, was der Herr Sufi und ich im beinah schon vergangenen Jahr so alles angestellt haben - hier ist die musikalisch untermalte Video-Kurzversion davon. Ganze action-reiche 5 Minuten lang!



(Wer das Video hier nicht sieht, bitte hier klicken.) So viele unerzählte Geschichten, so wenig Zeit! - Und weil ich sie (die Zeit!) nicht anhalten kann, bleibt mir nur mehr zu sagen:
Alles Gute für 2012! Ich hoffe, wir sehen uns (wieder)!

“Dunkle Tage”

02. November 2011, 22:24 - Chronistisch · Geschreibsel

Muss schon sagen, Nanowrimo lässt sich etwas zäh an, dieses Jahr.

Nanowrimo2011 - Tag2

Nachdem ich die geplante Story im letzten Moment verworfen habe, hat mein Stream of Consciousness mir eine sprechende Katze, eine saufende Ex-Rocksängerin und einen kiffenden Physiker beschert, die alle miteinander tote Menschen sehen (na gut: Einen toten Menschen), muss ich wohl entweder komplett in Richtung Science Fiction abdrehen, oder eine Drogenorgie draus machen. Hm. Oder fang ich noch mal ganz von vorne an?

(Warum das Kommentieren in diesem Eintrag nicht möglich ist, ist mir selbst unklar. Schau ich mir morgen an.)

Der letzte Sommertag des Jahres

06. Oktober 2011, 19:26 - Chronistisch · Tageblogging

Gestern erst weit nach Mitternacht ins Bett, gerade noch die traurige Nachricht von Steve Jobs Tod mitgekriegt. Im ersten Augenblick an einen dummen Scherz gedacht, wegen der iPhone4S-Geschichte, aber es war schon auf allen Portalen. Es wird viel gestorben, dieses Jahr, dachte ich auf dem Weg ins Bett, wieder einmal, wie schon zu oft. Zu oft in diesem Jahr.

Too Many, Too Sad

Ich schlief schlecht ein, nicht wegen der Nachricht, sondern weil ich im Kopf noch meine monströse ToDo-List für den Morgen wälzte, die sich auch mit hoher Disziplin und viel Glück nur schwer ausgehen konnte. Dazu unbezahlte Rechnungen und überfällige Entscheidungen und nicht erledigte Telefonate, was man halt so denkt, wenn man eigentlich schlafen will. Aber irgendwann schläft man doch.

Der Wecker, dem meine temporäre Schlaflosigkeit egal ist, klingelt gnadenlos um 8. Ein seltsamer Traum mit überlaufenden Waschbecken und großelterlichem Elend, aufgelockert durch eine sonnige Fährenfahrt und einen anstrengslosem Körperflug entkommt mir im Detail, bevor ich ihn protokollieren kann. Die integrierte Wetterstation zeigt bereits um diese Zeit 27 Grad. Na gut, vormittags liegt der Außenfühler in der Sonne, aber trotzdem stark - für Anfang Oktober. Ich mache Kaffee und dann das Fenster auf und denke, während der Computer hochfährt, dass es vielleicht das letzte Mal in diesem Jahr ist, dass ich ärmel- und sockenlos unbeschwert das Fenster offen stehen lassen kann. Wenn der Wetterbericht stimmt. Er dürfte stimmen. Natürlich darf man sich nicht beschweren, denke ich, während ich mich mit Kaffee zum Schreibtisch setze, wenn es Anfang Oktober dann wirklich mal weniger als 20 Grad hat, aber andererseits, der Sommer war ja nicht so richtig, dieses Jahr, da kann doch wenigstens der Herbst… und innerlich beschwere ich mich doch, bitterlich, bis die Routine meine Gedanken in ihre Umlaufbahn zieht und nach einer stark abgekürzten Runde durch News und Netzwerke nur noch Arbeit auf dem Plan steht.

Der erste wesentliche Punkt ist mittags endlich erledigt, und kurz überlege ich, den Rest der Liste sein zu lassen und doch noch einmal zumindest die Zehen ins Wasser zu halten, warum nicht, WTF, das Leben ist kurz und ab einem gewissen Alter bereut man nur noch, was man nicht gemacht hat. Aber so etwas denkt man ja immer nur und tut es dann nicht, ich zumindest. Stattdessen eine Runde hier in der Gegend gedreht, ein bisschen Bewegung, ein bisschen Sonne, ein paar Fotos. Bei Annäherung eines für Stadt-Verhältnisse viel zu schnellen Jaguars an den Zebrastreifen, den ich gerade überqueren wollte, lächelnd betont langsamer gegangen, damit er extra bremsen muss. Erst ein paar Straßen später daran gedacht, dass er ja auch nicht hätte bremsen können. In gewissem Sinn ein Fortschritt, die Abfolge dieser Gedanken, für mich.

Dann noch ein halbes Stündchen im Park gelesen, die Sonne superwarm auf meiner Haut. Hätte ich mehr Zeit gehabt, wäre ich bald in den Schatten gegangen.

Bilder, nicht fotografierte:
Die Frau, die im schäbigen Gastgarten der schlimmsten Säuferhütte des Bezirks in makellosem Business-Kostüm das Zeit-Magazin las, ein Glas Rose auf dem Tisch (vielleicht wars auch Schilcher), in dem die Sonnenreflexe tanzten.
Der riesige Hund, der ausgerechnet auf dem Zebrastreifen kacken musste; es dauerte, die Ampel wurde rot, die Gegenrichtung grün, der Hundehalter verzweifelt, erstaunlicherweise beschwerte sich kein Autofahrer, nur leises Lächeln allseits, bis das Geschäft erledigt war.
Die Tafel “Sturm’Zeit is’s” vor einem Lokal und mein Gedanke, dass eine Zeit mit solchen Apostrophen unmöglich die meine sein könnte.
Der alte Mann mit dem amputierten Bein, der jammer-bettelnd auf dem Gehsteig saß, aber wütend ausspuckte, als ihm eine Frau ein paar Kupfermünzen in den Hut warf.
Der junge Mann auf der Parkbank neben mir, der ein langes Telefongespräch führte und dabei seinen Körper mehr und mehr in sich selbst verknotete, während seine Seite der Konversation nur aus “Na”, “Na geh”, “Na wirklich ned” und “Na geh bitte” bestand.

Dann brav zurück nach Hause zur Arbeit getrottet, immer noch warm, immer noch bei offenem Fenster. Noch schnell Wäsche gewaschen, die ab morgen ja wieder länger zum Trocknen brauchen wird, also wenn es stimmt, dass der Sommer jetzt vorbei ist, aber - es wird wohl stimmen. Brav weitergearbeitet, bis es Abend wird.

Statt des 3-Mobilfernsehens, das seit dem Relaunch mehr zickt als läuft, dank des Herrn Sufis Einkaufslust The Lost Notebooks of Hank Williams aufgelegt und ein bisschen in Bildern und Netzen gestöbert. In all ihrer Old-fashioned-Country-lastigkeit passt die uber-schmalzige Musik fast schon zu gut in die Nacht. Highlights fürs erste: Bob Dylan, Sheryl Crow (erwartungsmäß), Norah Jones (nicht erwartungsgemäß).

Dann noch diverse Nachrichten nach-geschaut, alles Wesentliche ohnehin schon mitgekriegt. Die schwedischen Nachrichten, die machen übrigens mit 13 Minuten Literaturnobelpreis auf und alles andere kommt erst danach. Bin auf gerührte Weise begeistert. Den Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer gegoogelt und für sympathisch befunden. Dazu noch der nerdig-schönste Tweet des Tages (vielleicht sogar aller Zeiten):

Jetzt noch unter die Dusche und die Haare bei offenem Fenster lufttrocknen, - weil ich es kann. Vielleicht schlafe ich aus demselben Grund heute bei offenem Fenster. (Aber dann morgen wieder diese Baustelle, diese verdammte ewige Baustelle).

Heiße Tage, eisgekühlt

25. August 2011, 00:08 - Chronistisch · Wien · Still leben im Grätzl

Just my luck, dass ich mir reichlich Arbeit und Termine gerade auf die eine und wahrscheinlich einzige Sommerwoche des Jahres gelegt habe, die diesen Namen verdient. Natürlich ist auch ein heißer Tag vor dem Computer besser als kein heißer Tag, aber noch besser wäre natürlich Flanieren. Spazieren. Baden. Verdammt, warum bin ich eigentlich so pflichtbewusst?

Immerhin erlaubte mir der lädierte Herr Sufi nach einigem guten Zureden, seine schwindenden Vorräte aufzufüllen. Ein paar Wochen hätte er zwar noch locker überlebt, ohne das Haus zu verlassen, meinte er, aber ein frisches Brot und ein paar Äpfel - das hätte schon was.

Ich konnte also im vollen Bewusstsein meiner wichtigen Mission den Schreibtisch verlassen und in die wunderbare Sommersonnenluft treten. Ich weiß, dass mich da kaum einer versteht, aber in eine sengende Sonne zu schauen und bei über 30 Grad im Schatten durch die Stadt zu mäandern, das gehört zu den wunderbarsten Dingen, die ich kenne. Auch wenn ein Einkauf für den Herrn Sufi nicht unbedingt der einfachste ist - der schreibt nämlich nicht “Äpfel” auf den Einkaufszettel, sondern “Cox Orange aus Neuseeland”. Und nicht etwa “Brot”, sondern “1/2 Kärntner Brot vom Spar”. Und nicht etwa “Käse”, oder vielleicht “Ziegenkäse”, sondern… ach, ihr wisst schon, was ich meine. Aber diese wunderbare Hitze, die andere zum Anlass für bittere Beschwerden nehmen, versöhnt mich mit der komplizierten Expedition, denn immerhin bin ich… draußen. Und die herrschenden Temperaturen haben ja noch andere Vorteile. Zum Beispiel das grandiose Gefühl einer kalten Dusche, wenn man dann wieder heim kommt. Ein Körpergefühl, das ich von Jahr zu Jahr vergesse und neu entdecke, wenn es richtig warm wird.

Jolly

Oder eben auch… Eis essen! Als bekennender Fan von Wasser-Eis (noch ein Grund für den Sufi, mir Fress-Banausentum vorzuwerfen) ist mein Sommer-Hit seit fast 40 Jahren ungeschlagen: Der Jolly, von Eskimo. - Natürlich, es gibt hervorragende Eissalons in Wien. Ich denk da nicht so sehr an den berühmten Tichy, dessen Produkte mir meistens zu süß und zu lieblich sind, aber: Bortolotti! Zanoni am Gürtel! Oder, wenn es etwas weniger bekannt aber dafür näher bei mir sein soll, auch der Giardino auf der Wiedener Hauptstraße, von dessen Fruchtgeschmäckern sich die großen Namen durchaus noch ein Pfirsich-Scheibchen abschneiden könnten.

Aber das alles ist Eis zum Genießen, gerne zu Hause, gerne zum Nachtisch. Nicht bei 55 Grad in der Sonne und unterwegs, wenn Durst und Hungergefühl zusammentreffen - da gibt’s eben nur einen, und das ist der Jolly. (wär ich nur halbwegs so geschäftstüchtig wie wortgewaltig, dann hätt’ ich mir zumindest einen Karton sponsorn lassen für diesen Eintrag - verdammt!). Kürzlich wollte ich bei einem kleinen Geschäft meiner sommerlichen Leidenschaft frönen, doch das Objekt der Begierde war ausverkauft. “Nehmen’s halt einen Twinnie”, empfahl der Banause an der Kassa. Ja Himmel, wie soll denn Birne und Orange jemals Ananas und Himbeer ersetzen können?

Es gibt natürlich auch nur einen Weg, den Jolly zu essen. Erst knabbert man vorsichtig die wunderbar kalte Fettschokolade ab, dann beißt und lutscht man sich durch die Ananas-Schicht, bis der Idealzustand erreicht ist. Der Idealzustand eines Jolly ist nämlich, wenn Ananas und Himbeer gleichzeitig in den Mund passen. Dummerweise ist dann die Halbwertszeit auch schon erreicht - ab da muss man nämlich schnell sein, damit der köstliche Rest nicht sinnlos auf den Boden tropft.

Anyway. Die kurze, aber inhaltlich anspruchsvolle Einkaufsliste des Herrn Sufi gab mir also Gelegenheit, die Hitzestadt und meinen Sommertags-Jolly ohne schlechtes Zeit-Gewissen zu genießen. Die Stadt gab sich nebstbei größte Mühe, mir zu gefallen - extra für mich führte man am Siebenbrunnenplatz halb-absurde Theaterstücke auf, extra trocken kommunizierte ein klassischer Wiener Strizzi-Typ im Kaffeehausgarten mit der schwitzenden Polizei. Na gut, vielleicht nicht extra für mich, aber es passte. Die Blumen dufteten aus der Blumenhandlung, die Schnitzel aus dem Gasthaus, und die Kids rauschten auf Skateboards und Fahrrädern vorbei. Im Grunde ein perfekter Sommertag.

Und doch… und doch nur fast.

Denn es ist halt doch schon fast Ende August. Und so ein Tag im Juni, der wär’ außer sich selbst auch noch ein Versprechen, dass noch ganz viele davon kommen. In diesem Sommer. In dieser Stadt. Aber so ein Tag Ende August, der birgt die Drohung, dass er der letzte ist - für lange Zeit.

Schnell weg mit dem Gedanken. Noch ist es warm. Die Fenster offen, Grillengezirp. Nebenan die Nachbarn streiten lallend über Familiengeschichten. Das ist der eine Punkt des Sommers, auf den ich auch verzichten könnt’. Vielleicht.

Manege frei für 2011!

31. Dezember 2010, 15:00 - Chronistisch

“Hereinspaziert, meine Damen und Herren, hereinspaziert! Unser neues Programm heißt “2011”! Hier werden Sie sehen, was Sie noch nie gesehen, hören, was Sie noch nie gehört, erleben, was zu träumen Sie nie gewagt haben!”

“Zögern Sie nicht, meine Damen und Herren, die Tickets werden knapp, und die Vorstellung beginnt pünktlich! Greifen Sie jetzt zu, denn das Heute wird morgen nur noch ein Traum von gestern sein! Finden Sie Ihr Glück unter unserem sensationellen fliegenden Schwein!

Der Zirkusdirektor, ein kleines Männchen mit schäbig-buntem Hut, hatte eine große Stimme aber unstete Augen, die hin- und herblinzelten, als traute er seinen eigenen Worten nicht. Dennoch folgte ich ihm in das Zelt, das sehr leer und etwas dunkel wirkte.

2011

“Nehmen Sie Platz, Madame, und genießen Sie die Stille, denn bald wird es hier rund gehen, Sie werden Ihren Augen nicht trauen, Sie werden Ihre Ohren verzückt verdrehen, Sie werden schwindlig werden vor Staunen über das, was Sie erwartet, Sie werden sehen was Sie sehen werden!

 

Tja, hier sitze ich nun und harre der Dinge, die da kommen mögen. Was steckt unter dem Zirkuszelt mit der großen 2011 darauf? Wird uns der Glamour umgeben, den der Impresario beschworen hat, oder hätten wir doch genauer auf seinen Hut blicken sollen? Wir wissen es nicht, aber bevor das junge Jahr seine Geburtstagskerzen ausbläst, wünsche ich Euch von allem nur das Beste, und davon so viel wie ihr mögt.

Vielleicht sieht man sich ja bald wieder, bei Kaffee oder Wein, in neuen Projekten, ein Stück weit über der Erde im Flieger oder auch außerhalb davon, und gerne auch sonstwo und sonstwie.

Kamele, Mäuse und das eine oder andere Flügeltier sind gesattelt, das Licht geht zurück, und jetzt Pssst! Die Vorstellung beginnt!

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Assange & die Schwedinnen (erweitert)

16. Dezember 2010, 22:53 - Chronistisch · Weiberkram

Seit Tagen - oder sind es mittlerweile Wochen? - verfolge ich die Berichterstattung um Assange und seine mutmaßlichen Straftaten, in drei Sprachen, über viele Länder hinweg, und versuche, mein tiefes Unbehagen in einen Text zu verwandeln. Der Source-File hat unübersichtliche Ausmaße angenommen, die meisten Links erkenne ich an den ersten 3 Buchstaben, und dennoch ist bislang kein gscheiter Artikel herausgekommen. Das liegt daran, dass ich das Gefühl habe, die ganze Wahrheit herausfinden zu müssen, eine Verantwortung, die in dem Chaos an Information, Gerüchten und Halbwahrheiten einfach nicht einzuhalten ist.

Als allerdings heute auch der ansonsten von mir geschätzte Michael Moore scherzen musste, dass ein geplatztes Kondom in zivilisierten Ländern ja wohl keine Vergewaltigungs-Anklage rechtfertigt, war’s mir irgendwie zuviel. Wenn (falls) die Wahrheit jemals ans Licht kommt, dann vermutlich nicht über Boulevard-Zeitungen oder selbsternannte Ritter der Gerechtigkeit, sondern vor einem Gericht, das - im Gegensatz zu allen anderen - die unverfälschten Informationen besitzt. Ich verzichte also vorläufig auf die Suche nach der Wahrheit, und möchte stattdessen aufzählen, was alles nicht wahr ist.

Nicht wahr ist, dass der Wikileaks-Frontman wegen eines geplatzten Kondoms angeklagt ist. Das ist nämlich tatsächlich kein Verbrechen, weder hier noch in Schweden noch sonstwo. Das einzige Land, wo man jemanden dafür verklagen könnte, wären eventuell die USA, und dort träfe es - wenn dann - den Kondomhersteller.

Die erste Erwähnung eines Kondoms kommt, soweit ich mich durch die Masse an Material wühlen könnte, vom Expressen. Der behauptete am 2. September, die Protokolle der ersten Einvernahme von Assange zu haben. Das ist, noch bevor wir zum Inhalt kommen, schon formal problematisch. Expressen bewegt sich nämlich, was Sorgfalt und Glaubwürdigkeit anbelangt, irgendwo zwischen Bild-Zeitung und Kronen-Zeitung. Man hat dort in der Vergangenheit tatsächlich schon geheime Protokolle veröffentlicht - aber ebenso oft auch frei erfundene. Zudem bleiben in Schweden die Details und die Namen der Opfer von (auch mutmasslichen) Sexual-Straftaten wegen Opferschutz zumindest laut Gesetz geheim.

In dem Artikel finden sich folgende Passagen:

När förhöret inleddes delgavs Assange att han var misstänkt för att ha ofredat kvinnan vid ett tillfälle i hennes bostad. Ofredandet ska ha bestått i att han haft oskyddat sex med kvinnan. Hon ska, enligt Expressens källor, anklagat Assange för att medvetet ha gjort hål på en kondom och sedan haft sex med henne.

auf Deutsch:

Am Anfang des Verhörs wurde Assange mitgeteilt, dass er verdächtigt wird, eine Frau in ihrer Wohnung belästigt zu haben. Die Belästigung soll darin bestanden haben, dass er ungeschützten Sex mit der Frau hatte. Sie soll, laut Expressens Quellen, behauptet haben, dass Assange bewusst ein Kondom beschädigt hat und anschließend Sex mit ihr hatte.

Seine Antwort, laut Expressen: “Das ist nicht wahr”.

Der Artikel erzählt weiters, dass Assange nachgefragt hätte, ob er befürchten müsse, dass die Inhalte des Verhörs an die Medien weitergegeben werden. Danach habe er sich mit seinem Anwalt beraten, wieviel von seiner Version er preisgeben müsste. Dann soll es noch um einen “bestimmten Vorfall” gegangen sein, dessen Inhalt aber “geheim bleiben müsse” (eine seltsame Formulierung, wenn man bedenkt, dass zum Zeitpunkt des Artikels eigentlich der gesamte Inhalt der Protokolle geheim war).

Aber kommen wir zum letzten Absatz.

Polisen ville också veta om kvinnan någon gång under natten avvisat hans sexuella inviter.
- Ja, ibland men inte på något sätt som var betydelsefullt. Nej, inte något som skulle vara onormalt, svarar Assange som hävdar att allt han gjort varit fullständigt “normalt”.

auf Deutsch:

Die Polizei wollte auch wissen, ob die Frau während der Nacht irgendwann seine sexuellen Avancen abgewiesen hätte.
- Ja, mehrfach, aber nicht auf eine ernstzunehmende Art und Weise. Nein, da war nichts Ungewöhnliches, antwortete Assange, der darauf besteht, dass alles, was er getan hat, völlig normal war.

Wenn (und das ist ob der Grund-Glaubwürdigkeit des Expressen durchaus ein großes “Wenn”), wenn wir also annehmen, dass dieses Protokoll echt ist, dann müssen wir auch akzeptieren, dass Assange bereits zugegeben hat, ein “Nein” nicht unbedingt ernst zu nehmen.

Aber egal, wie viel man davon glaubt oder nicht: Der Artikel im Expressen war die erste mediale Konkretisierung der Vorwürfe und damit vermutlich der Ursprung aller geplatzten Kondom-Gerüchte.


Präzisere Beschreibungen der angeblichen Vorgänge haben wir frühestens seit dem Auslieferungsantrag. Dafür mussten die Vorwürfe offengelegt werden, und viele Medien berufen sich in ihren Berichten auf eine Meldung von Reuters, in der demnach steht, der charismatische Australier habe “sein Körpergewicht eingesetzt, um die Frauen still zu halten und den Geschlechtsverkehr zu vollziehen”, er habe “die Beine der Frau auseinandergedrückt und nicht auf ihren Protest gehört”, und schließlich: “während beide nackt im Bett lagen und sie schlief, sei er ohne Vorwarnung von hinten in sie eingedrungen” - ein Vorgang, den englischsprachige Medien seither gerne als “surprise sex” bezeichnen. Fast untergegangen in den darauf folgenden bösartigen Vergewaltigungswitzen sind die vereinzelten Versuche, etwas Licht ins umstrittene Schlafzimmer zu bringen - so schreibt etwa die Washington Post:

But the controversy seems to center on the fact that both encounters started off consensually. One of his accusers was quoted by the Guardian newspaper in August as saying, “What started out as voluntary sex subsequently developed into an assault.” Whether consent was withdrawn because of the lack of a condom is unclear, but also beside the point. In Sweden, it’s a crime to continue to have sex after your partner withdraws consent.

Was in den USA nicht so ist, wie die WP weiter ausführt, um zu dem durchaus nachvollziehbaren Schluss zu gelangen:

So if you initially agree to have sex and later change your mind for whatever reason - it hurts, your partner has become violent, or you’re simply no longer in the mood - your partner can continue despite your protestations, and it won’t be considered rape. It defies common sense. Who besides a rapist would continue to have sex with an unwilling partner?

Wie wahr, wie wahr.


Nicht wahr ist auch, dass wir die Identität der Frauen kennen, die Assange angezeigt haben. Deren Identität ist wie gesagt nach schwedischem Gesetz geschützt, und auch wenn eine plausible Spurensuche vorliegt - die Erkenntnisse sind nicht bestätigt. Das ist auf mehreren Ebenen interessant, denn der wichtigere Name, der kolportiert wird, wurde erstmals auf flashback.org (absichtlich kein Link) erwähnt - und das ist ein zumindest rechtslastiges Forum (das von weniger vorsichtigen Menschen auch als rechtsextrem bezeichnet wird). Ich verzichte in dieser Sache auf weitere investigative Aufdröselung und verweise auf den englischen Artikel von Torbjörn Jerlerup.


(edit 17.12.)

Woher die Gerüchte in Richtung Eifersuchtsmotiv ursprünglich kommen, habe ich nicht herausgefunden. Dieser Artikel im (allerdings auch nicht sonderlich seriösen) Aftonbladet ist vom 21.8. - demnach hat die Redaktion ein Interview mit der einen Frau geführt, und die sagt dort folgendes:

Kvinnorna och Assange träffades under hans vistelse i Stockholm och har inte tidigare träffat vare sig honom eller varandra.
Kvinnan i 30-årsåldern uppger att hon för sin del anser sig vara utsatt för ett sexuellt övergrepp, eller ofredande, men inte en våldtäkt.
Upprinnelsen till polisanmälan kom i fredags. En annan kvinna kontaktade henne och berättade en liknande, men värre historia. Den kvinnan är mellan 20 och 30 år.

Auf Deutsch:

Die Frauen und Assange trafen sich während seines Besuchs in Stockholm und kannten vorher weder ihn noch einander. Die 30-Jährige sagt, dass sie aus ihrer Sicht einen sexuellen Übergriff oder Belästigung erlebt hat, aber keine Vergewaltigung. Eine andere Frau hat sie kontaktiert und von einem ähnlichen, aber schlimmeren Erlebnis berichtet.

Zudem erklärt sie, sie sei nicht deshalb erst später zur Polizei gegangen, weil sie Angst vor Assange gehabt hätte. Sie habe die andere Frau begleitet, als sie von deren Erfahrungen hörte, um ihren Bericht mit den eigenen Erlebnissen zu ergänzen.

(/edit)


Noch ein paar lesenswerte Links (laufend ergänzt):

Kate Harding: Some Shit I’m Sick of Hearing Regarding Rape and Assange
Time zum Thema Schweden und Sexualstraftaten an sich
Die Mädchenmannschaft über das Gerüchtechaos, mit vielen interessanten Links
Guardian - Die (mutmaßlichen) Details der Anklage
Spreeblick über die Verharmlosung von sexuellen Straftaten über Standpunkte, mit vielen interssanten Links

Eine hervorragende Antwort auf den populistisch-dümmlichen offenen Brief von Michael Moore


Von allen schlüpfrigen Geschichten mal abgesehen: Assange ist nicht Wikileaks. Wikileaks ist eine großartige neue Chance für alle, die Transparenz und Information ernst nehmen - gerade in einer Zeit, in der viele konventionelle Medien nur noch als Regierungs- und Industrie-Megaphone dienen. Assange dagegen ist ein Gesicht, das sich - je nach Quelle, die man liest - uneigennützig als Frontman zur Verfügung gestellt oder völlig sinnlos in den Vordergrund gedrängt hat. Wikileaks wird mit oder ohne Assange weitermachen - diese simple Tatsache muss selbst der hinterletzten Dumpfbacke im ungelüfteten Geheimdienstkeller klar sein. Und deshalb glaube ich in Sachen Assange ausnahmsweise nicht an die vielbeschworene CIA-Verschwörung.

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Weißes Rauschen

06. Dezember 2010, 22:43 - Chronistisch

Tagelang hat es geschneit. Gut, vielleicht waren es nur zwei Tage, vielleicht drei, aber es kommt viel länger vor: Immer dieser Blick zum Fenster hinaus, die Flocken, die immer gleich groß, immer gleich schräg vorbeifliegen. Ich schaue schnell weg, die Gleichförmigkeit des Treibens ist wie ein unangenehmes Kratzen auf meiner Haut. 43 Winter lang bin ich schon auf der Welt und hoffe trotzdem immer noch, dass er vielleicht einmal nicht kommt, der Kälteeinbruch, und der Schnee, und alles, was sonst noch dazugehört. Aber sie kommen nun einmal. Jedes Jahr.

Jetzt liegt er da, der Schnee, der nichts ist als ganz normales Wasser, festgeworden in einer höchst unangenehmen Temperatur. Wieder einmal stapfe ich mit unzulänglichen Schuhen durch die feindliche Masse, die Kindergartenkinder und Schi-Asse zu Begeisterungsstürmen hinreißt, und verfluche meine Vöglein-auf-dem-Feld-Mentalität, die mir vorgaukelt, der Kauf von Winterschuhen wäre völlig überflüssig, solange es nicht kalt ist. Zu den Dezember-Dingen, die noch schlimmer sind als der Schnee, gehört das Gedränge in den Einkaufs-Gegenden. Es ist die Fleischwerdung der Absurdität an sich, das Rennen und das Suchen und das kollektive Rempeln, das alles bewirkt, dass ich über einen flüchtigen Blick in die Schaufenster nicht hinauskomme. Keine Schuhe für die Chronistin.

Eine Pose wäre das, keine Neurose, höre ich innerlich den Herrn Sufi unken, und so unrecht hätte er damit nicht. Ich finde aber, dass ich mir in meinem Alter durchaus auch die eine oder andere demonstrative Pose erlauben darf, und manchmal vermute ich gar, dass eine frühere Kultivierung entsprechender Posen mir erlaubt hätte, rechtzeitig auch einmal wichtig zu sein, verdammtnochmal.

Solche Gedanken sind, gerade in einer Phase des persönlichen Jetztaber!, vielleicht nicht sehr produktiv, andererseits aber möglicherweise notwendig. Und auch ein Cartoon wie dieser (via Vorspeisenplatte) hat so gesehen nicht nur Kicher- sondern auch Philosophie-Potential.

Im zehenwärmenden Schneidersitz auf meinem rückenfreundlichen Bürostuhl bin ich etwas ratlos, wenn ich in die Zukunft blicke. Das ist nichts Neues, und es hat mich bislang noch nie gestört. Genaugenommen tut es das jetzt auch nicht. Es ist nur so, dass ich zunehmend das Gefühl habe, es sollte mich stören. Ich sollte einen Plan haben. Nein, das ist es auch nicht, ich habe ja einen Plan, ich habe zwei, drei, ich habe viele Pläne. Aber genau das ist der Haken, meint mein winterlich unterbeschäftigtes Über-Ich: Anstatt meiner vielen Pläne sollte ich doch bitte endlich einmal den Plan haben.

Sorry, can’t do. Das Leben bleibt spannend. Und der Schnee, der wird irgendwann auch wieder einmal schmelzen.

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Es war einmal

12. November 2010, 21:29 - Chronistisch · InterNett · Bloggig

Es war einmal, und es war in den Zeiten, als Weblogs sich noch frisch und cool anfühlten, als das Netz zwar nicht mehr neu, aber noch täglich wunderbar aufregend war. Es war ichweißnichtmehrgenau wann*, denn die meisten Blogs wurden seither mehrfach geöffnet und geschlossen und sind mehrfach umgezogen, und wer merkt sich das schon, man macht eben, jetzt und hier, und nicht für alle Zeiten. Es war ein Satz aus den Tiefen der Kommunikationsgeschichte, mit dem damals ein neues deutschsprachiges Weblog furios die Szene betrat. Der Satz “Das Pferd frisst keinen Gurkensalat”*.

Der intelligente Witz in den Texten und die Freude an den gleichen Dingen (zum Beispiel Douglas Adams, Katzencontent und gute alte Musik) ließen “Industrial Technology und Witchcraft” sofort in die ewige Top 5 meiner liebesten Seiten aufsteigen, und auch wenn ich Majo nie persönlich getroffen und im Lauf der Jahre nur wenige direkte Mails mit ihm gewechselt habe, hatte ich ihn gern in einer fern-vertrauten Art, die dieses wundersame Internet ermöglicht hat.

Jetzt ist er nicht mehr da.

Machs gut, Majo. Und danke für den Fisch. Und für die Musik. Und für den Floßflug. Und überhaupt.

Die Stadt, der Sommer, die Füße und die Leut’

16. Juli 2010, 12:34 - Chronistisch · Tageblogging

Vor dem Supermarkt hält man mir ein Mikrophon mit dem Logo einer kleineren Radiostation vor die Nase. “Was machen Sie gegen diese Hitze?” - “Dagegen? Nix, ich genieße sie.” Bevor ich fertig gesprochen habe, entzieht mir das junge Ding den Wortverstärker und dreht mir grußlos den Rücken zu. Naja, würde man mich in ein wursthautähnliches Jeans-Stretchkleid pressen, wäre ich wohl auch genervt, mit oder ohne Hitze. Andererseits hat sie es vermutlich selber angezogen. Wie auch immer.

Radiosender, denke ich, während ich drinnen Melone, Brot, Frischkäse und Orangensaft zusammensuche, Radiosender sind halt ein Massenprogramm und haben es nicht so mit der Stimme der Minderheit, in dem Fall der sommer-genießenden Minderheit. Der Herr Sufi sagt ja auch, ich bin nicht normal, wenn sich bei > 30 Grad mein Körper endlich zu Hause fühlt. Andererseits kann ich doch nicht die einzige sein, die nicht stöhnend im Schatten liegt. Oder liegen möchte.

Bin ich auch nicht. “‘itze? Welsche ‘itze?” höre ich, als ich nach dem Einkauf wieder an Fräulein Blauwurst vorbei muss. Den sommersprossig Rotgelockten hätte ich nie im Leben für einen Franzosen gehalten, er sieht fast aus wie ein Bilderbuch-Ire. Nur ohne Bauch. Auch ihm wird gnadenlos das Mikro weggenommen, die Jungmoderatorin rollt trotz seines strahlenden Lächelns die Augen. Ihre Suche nach der Massenmeinung wird wohl noch ein Weilchen weitergehen.

Es ist ein bisschen wie gestern in der S-Bahn-Station, in der keine S-Bahn fuhr. Jedenfalls nicht in meine Richtung. Viele waren, so wie ich, schon von der U-Bahn ausgewichen, die ebenfalls nicht fuhr. Trotzdem kaum Unmutsäußerungen, im Gegenteil, man las gemeinsam den Fahrplan, teilte Strecken-Insider-Wissen und Zeitungen zum Luft-Zufächeln und war sich im großen und ganzen einig, dass sowas zwar lästig ist, aber halt passieren kann - während ich beim Nachschlagen alternativer Verbindungen im Handy-Internet von schrecklich leidenden Fahrgästen las, die ihrem Unmut lauthals Luft gemacht und die Verkehrsbetriebe nicht nur mit Klagen, sondern auch mit Prügel und Schlimmerem bedroht haben sollen.

So ist das wohl in den Medien, alt wie neu, nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.

Gestern jedenfalls, als ich nach meinem Termin die immer noch nicht fahrende U-Bahn durch eine Straßenbahn ersetzen wollte, rollte diese zwar klimatisiert aber völlig überfüllt in die Station ein. Ich beobachtete minutenlang die (übrigens ebenfalls durchwegs gegenseitig wohlwollenden) Bemühungen, die Einstiegswilligen zu den bereits Gequetschten hinzuzufügen, und beschloss dann, den Rest des Weges zu Fuss zu gehen. Knappe halbe Stunde. Die schenk ich mir für einen sommerlichen Stadtspaziergang, dachte ich, marschierte los und begann zu genießen. Ein Vergnügen, das allerdings zunehmend durch meine Schuhe getrübt wurde. Geschlossen, neu und reibefreudig.

Nach einem kleinen Imbiss unter einem Sonnenschirm steckte ich die Übeltäter in die Tasche und lief fortan barfuss. Leichte Nostalgie befiel mich, hatte ich doch früher ganze Sommer begeistert schuhlos verbracht - in Städten wie am Land, und in anderen Ländern auch. Verwunderte Blicke und fingerzeigende Kinder gab es damals schon, neu dagegen war der Mann, der stehen blieb und, als ich um ihn herumgehen wollte, einen Schritt zur Seite trat, damit ich auch stehenbleiben musste. “Das können Sie doch Ihren Füßen nicht antun!” rief er, während sein Zeigefinger auf einen Punkt eineinhalb Meter weiter oben zeigte. “Keine Sorge, die mögen das.” Ich umrundete ihn auf der anderen Seite, da warf er noch ein schwer erbostes “Aber das ist UNSEXY!” hinter mir her.

So ein Pech aber auch.

Ein Rosinenbomber weniger

19. Juni 2010, 21:24 - Aviation · Chronistisch · Fliegerei

Die silbergraue Berliner DC 3 hat heute eine Bruchlandung hingelegt - zum Glück nur (je nach je nach Quelle) 4 bis 7 leicht Verletzte - aber so wie es aussieht, wird sie wohl so schnell nicht wieder fliegen. Schade um das schöne Teil. Der Herr Sufi und ich hatten 2004 die Ehre, einmal mitzufliegen.

(via)